Homberg unterm Hakenkreuz

Aus Homberg unterm Hakenkreuz
Version vom 3. März 2017, 17:29 Uhr von Dirk (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Projekt des Freundeskreis Historisches Homberg e.V.


Weshalb wird dieses Projekt konzipiert?

Homberg unterm Hakenkreuz

Der Freundeskreis Historisches Homberg e.V. wurde 1985 gegründet, um u.a. „die geistige Auseinandersetzung mit der Geschichte des Gebietes der ehemaligen Stadt Homberg zu pflegen und möglichst vielen Mitbürgern und Interessenten zugänglich“ zu machen. Als Quelle für die nach der Gründung publizierten Aufsätze und Schriften sowie für öffentliche Vorträge über historisch Ereignisse und Entwicklungen in Homberg, Hochheide und Essenberg dienten: die Publikationen der Chronisten der Homberger Stadtgeschichte ( insbes. Mohr, Mast und Teelen), die umfangreichen Sammlungen von Aufsätzen, Urkunden und sonstigen schriftlichen Archivalien und zahlreiche dokumentierte Beiträge von Zeitzeugen. Nach Sichtung und Neuordnung des gesamten Archivs (2013) wurde erschreckenderweise deutlich: Unterlagen, Berichte und Veröffentlichungen über die Barbareien der Willkürherrschaft der Nationalsozialisten Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter Adolf Hitler in der Zeit von 1933 bis 1945 in Homberg sind im Archiv unseres Vereins nicht existent. Um diesem eklatanten Mangel zu begegnen, hat der Vorstand beschlossen, das Projekt „Homberg unterm Hakenkreuz“ zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für die Projektleitung ist Dirk Lachmann, stellvertr. Vorsitzender, verantwortlich.


Was sieht das pädagogische Konzept vor?'

Die Bearbeitung des Projektes ist offen. Das heißt, jeder kann mitmachen. Die Untersuchungen zu diesem Projekt müssen sich im Wesentlichen auf das Gebiet der Stadt Homberg in der Zeit von 1933 bis 1945 beziehen. (Geschichte vor Ort) Die Jugendlichen von heute sind aufgerufen, - ob als Einzelne oder im Klassenverband - nach dem Motto „Jugend forscht“ erste wissenschaftliche Schritte zu erproben. Vor allem aber wird die Mitarbeit der älteren Generation gesucht, die evtl. noch in der Lage ist, als historisch Interessierte authentische Beiträge zu erbringen. Wichtig wären auch Informationen, Fotos und Geschichten aus der eigenen Familie. Auf der Grundlage von über 50 Befragungen von Zeitzeugen aus Homberg, sowie nach dem Studium unterschiedlichster Archiv-Quellen, wurde eine (vorläufige) konzeptionelle Gliederung erarbeitet, die in ihren Gliederungspunkten bereits eine Vielzahl von Informationen, Fakten und Ergebnissen liefert. Das Konzept sieht vor, dass alle Gliederungspunkte im Internet auf einer Informations- und Lernplattform veröffentlicht werden. Mit der Einrichtung der Internet-Plattform soll gezielt darauf abgehoben werden, neue, überprüfbare Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Auf diese Weise generiert die pädagogische Internet-Plattform zur Klammer zwischen Lernenden und Forschenden. Für die Veröffentlichung im Internet müssen natürlich Zugangsvoraussetzungen erfüllt werden: Auskünfte erteilt Dirk Lachmann (s. Impressum).


„Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei.“ Theodor Litt (Pädagoge, 1880 bis 1962)


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das „vergessene“ Kapitel der Homberger Stadtgeschichte: Homberg unterm Hakenkreuz 1933 bis 1945

Die Stadthistoriker Paul Mast („Homberg, die Stadt im Grünen“) und Karl Teelen („Blick vom Hebeturm“) haben mit ihren Publikationen wichtige Beiträge zur Stadtgeschichte Hombergs in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts verfasst. Jedoch war es Theodor Mohr vorbehalten, als erster die „Geschichte der Stadt Homberg“ zu erforschen und aufzuschreiben. Das war im Jahr 1967. Obgleich alle drei Chronisten den Aufstieg der NSDAP und die Diktatur Adolf Hitlers als Zeitzeugen miterlebt hatten, blenden sie die Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die Nationalsozialisten in ihren historischen Studien zur Stadtgeschichte Hombergs total aus.

Die Gräueltaten der Nazis, welche bereits direkt nach dem Ende des 2. WK offengelegt und publiziert worden waren, zeigten unzweifelhaft auf, welche Verbrechen gegen Juden, kranke und behinderte Menschen (Euthanasie), Homosexuelle und Zwangsarbeiter auch in Homberg begangen wurden. Wer diese Tatbestände leugnet oder verdrängt, stellt sich moralisch ins Abseits.

Zur Geschichte der Juden in Homberg bis 1933

Wer über die Anfänge jüdischer Siedler in Homberg [1] berichten will, sieht sich mit einer äußerst begrenzten Quellenlage konfrontiert. Deshalb kann meist nur im Analogieschluss beschrieben werden, wie die gesellschaftspolitische Realität für die Juden in Homberg seit dem 17. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Die Gemeinde Homberg war Teil der Grafschaft Moers [2], die wiederum über Jahrhunderte durch die wechselnde Zugehörigkeit zu Preußen und Frankreich in ihrer Judenpolitik von diesen Staaten abhängig war. Anders verhält es sich mit der Quellenlage über Homberger Juden ab 1900. Hierzu liegen Forschungsergebnisse des Duisburger Stadtarchivs [3] vor, die einen Einblick in Zahl, Herkunft, Familienstand und Beruf der in Homberg sesshaften Juden geben. Die teilweise Erforschung ihrer Schicksale in der Zeit des Nationalsozialismus ist dabei von besonderer Bedeutung. Mit der schicksalhaften Deportation am 11. Dezember 1941 von Homberger Mitbürgern jüdischen Glaubens (Juden) in einem Sammeltransport in ein Konzentrationslager nach Riga/Lettland, wo letztendlich ihre physische Vernichtung stattfand, endet faktisch die Geschichte der Juden in Homberg. Homberg war Ende 1941 nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch „judenfrei“.

Juden in Homberg vor 1900

Von der Regulierung zur Emanzipation

Den bis dato ersten Hinweis über frühe Juden in Homberg gibt es als Anmerkung im „Verwaltungsbericht Homberg - Niederrhein 1901 bis 1909“ [4]:

Dort heißt es: „Für eine gewisse Bedeutung von Homberg spricht auch die Ansiedlung von Juden, schon im 16. Jahrhundert.“

Aus der Grafenstadt Moers wird von einem konkreten Fall berichtet:

„Bereits 1613 hatte die Stadt Moers bei einem jüdischen Mann Geld geliehen, das zur Befestigung der Stadt verwandt wurde.“ [5]

Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 war wohl der Religionsfrieden zwischen Protestanten und Katholiken besiegelt worden, jedoch wurde keine einvernehmliche Haltung gegenüber den Juden in Deutschland vereinbart. Die Juden wurden den Landesfürsten unterstellt, die mit oft sehr unterschiedlichen „Judenordnungen“ (Regulierungen) das Zusammenleben in der Stadt und auf dem Land regelten. Dabei war den Landesfürsten der Aspekt der Emanzipation und Integration der Juden in die heimische Gemeinschaft eher fremd. Vielmehr ließen sich weltliche und geistliche Herren, wie schon in den Jahrhunderten zuvor, davon leiten, ihre fiskalischen Interessen durchzusetzen, indem sie von den Juden den Kauf von immer neuen „Geleitrechten“ (Schutzrechten) verlangten.

Die Regulierungen der Landesherren griffen tief in die private Sphäre der Juden ein. Üblich waren Bestimmungen wie: Wahl der Niederlassung, Höhe des Eigenkapitals, Verbot des Erwerbs von Liegenschaften, Zahl der Kinder und vor allem starke Beschränkungen für das Erwerbsleben als Landwirt (Ackerbau), beim Handwerk und im Hausierhandel. [6] [7]

Für die Grafschaft Moers gibt es diesbezüglich folgenden Bericht: [8]

„In einem Reglement von 1678 wurde die Zahl der Juden strikt begrenzt. Es hieß, daß nicht mehr als sechs Juden in der Grafschaft Moers leben durften. Von diesen sechs Juden sollten drei in Moers, einer in Krefeld und zwei in Friemersheim und Budberg wohnen. Wenn einer starb, wurde nur ein relativ vermögender Jude an dessen Stelle zugelassen. In beruflicher Hinsicht erlaubte die Obrigkeit den Juden lediglich das Metzger- und Fleischergewerbe. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts (Anm.: Seit 1702 gehörte die zum Fürstentum erhobene Grafschaft Moers zu Preußen) wurde zwanzig jüdischen Familien der Aufenthalt gestattet. Die Obrigkeit achtete streng darauf, daß die Zahl der Juden nicht zu sehr anstieg. So wurde z. B. den erwachsenen Kindern einer Familie oft nicht erlaubt, wie ihre Eltern in Moers zu leben, weil dadurch die Zahl der Juden zu groß wäre.“[9]

„1715 erhalten im Fürstentum Moers zwanzig Familien und deren Gesinde ein Geleit- und Schutzpatent für zwanzig Jahre.“ [10]

Inwieweit das Dorf Homberg von diesen Reglements betroffen war, ist nicht annähernd einzuschätzen. Wenn aber unterstellt werden kann, dass Juden zu diesem Zeitpunkt bereits in Homberg Fuß gefasst hatten, ist, bei Fortbestand einer jüdischen Familie, ein Wechsel in andere Dörfer und Gemeinden wegen der aufgezeigten Bedingungen nur schwer möglich gewesen.

Mit dem Leitgedanken der Französischen Revolution (1789 bis 1798) - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - siegte das Bürgertum über das absolutistische „Ancien Regime“ [11] und schuf damit eine neues Bewusstsein für eine emanzipatorische Gestaltungsfreiheit eines jeden Menschen. Das galt zunächst für Frankreich, griff dann aber sprunghaft auf die Länder Europas über und darüber hinaus. Bereits 1791 waren die französischen Juden durch die Aufhebung aller Judenordnungen und durch das Erlangen der allgemeinen Bürgerrechte emanzipiert. Sie waren freie Bürger geworden.

Als 1801 das Moerser Fürstentum aufgrund der Eroberungen durch Napoleon französisches Staatsgebiet wurde, galten für die hiesigen Juden dieselben Emanzipationsrechte. Allerdings dauerte dieser Zustand nicht lange an. In den ländlichen Gebieten des Bezirks Köln und in den Eifelgegenden klagten unter anderem die Bauern, die Kleinkredite von den Juden nahmen, gegen die „Bewucherung“ durch die in Handelsgeschäften versierten Juden. Bereits 1808 führten die französischen Behörden einige Beschränkungen wieder ein, wie das Hausieren und die Gewerbepatente (Ausübung nur mit Genehmigung). [12]

Nach Napoleons Abdankung und spätere Verbannung erlangte Preußen nach dem Wiener Kongress von 1815 wieder seine Souveränität über die Rheinlande (Rheinprovinz).

Die Rechte der Juden blieben zum Teil eingeschränkt. Erst durch die Preußischen Judengesetze vom 23. Juli 1847 („Gesetz über die Verhältnisse der Juden“) verbesserte sich die Stellung der Juden in Preußen. „Die eigentliche Emanzipation der Juden am Niederrhein wurde endgültig durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes vom 3. 7. 1869 manifestiert. Darin heißt es: „Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben“.“ [13] Durch die Reformgesetzgebung des Norddeutschen Bundes war somit jeder Jude ein gleichgestellter Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten gegenüber der Verfassung.

So hatte er z. B. Zugang zu allen Berufen, konnte studieren, besaß das aktive und passive Wahlrecht und musste Dienst mit der Waffe leisten. Damit war der Weg für alle Juden offen, sich in die deutsche Gesellschaft zu „akkulturieren“ (anzupassen), d.h. Deutscher zu werden und Jude zu bleiben. Sie betrachteten sich als Bestandteil der deutschen Nation, während ihre jüdische Identität immer stärker auf den Privatbereich des religiösen Bekenntnisses beschränkt blieb. [14] [15]

Jüdische Familien in Essenberg und Homberg

1861 wurden in Homberg und Essenberg neun jüdische Mitbürger registriert. [16]

1890 lebten 10 Juden in Homberg und Essenberg (Fam. Coppel 7 Pers., Fam. Vasen 3 Pers.) „Der Name Coppel ist abgeleitet von Jakob“. (Hans-Peter Baum, s. 6a)

1895 16 Juden 1900 15 Juden [17]

Durch die Forschungen des Duisburger Stadtarchivs sind Namen von Juden benannt worden, die bereits im 19. Jahrhundert in Homberg lebten.

In Essenberg wurde die Jüdin Katharine (Käthchen) Vasen am 19. 4. 1858 geboren. Ihre Eltern waren Marcus Vasen und Sibylle, geb. Kappel. Die Wohnadresse in Essenberg ist nicht bekannt.

Katharina Vasen wohnte 1925 auf der Duisburger Straße 219 und später auf der Kirchstraße 155. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Näherin. Sie meldete sich am 28. 10. 1937 nach Köln ab, wo sie im März 1939 im Altersheim lebte. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. [18]

Die Duisburger Forschungen benennen einen Juden, der am 12. 6. 1835 in Homberg, Rheinstraße 27, geboren wurde. Es handelt sich um Moses Coppel. Über seine Eltern ist nichts bekannt. Er heiratete Johanna Gornsann und hatte vier Kinder mit ihr. [19] Moses Coppels Beruf war „Kaufmann“. Im Verwaltungsbericht Homberg 1901 bis 1909 (S. 25) wird seine Erwerbstätigkeit mit „Viehhändler“ konkreter bezeichnet. Im selben Haus wurde auch sein sieben Jahre jüngerer Bruder Salomon (8. 11. 1842) geboren. Auch er war von Beruf „Kaufmann“. Er arbeitete als Viehhändler im Familienunternehmen mit. Das wird durch den Firmenamen „Gebr. Coppel“ belegt. Salomon Coppel blieb unverheiratet.

Da insbesondere die Viehwirtschaft auch am Anfang des 19. Jahrhunderts eine erlaubte berufliche Option für Juden war, darf daraus geschlossen werden, dass die Eltern der beiden Coppel-Söhne ebenfalls schon in dieser Branche ihren Lebensunterhalt verdient hatten. Wahrscheinlich folgten sie damit sogar einer langen Familientradition.

So ist der Familienname Coppel in der Grafschaft Moers schon seit ca. 200 Jahren beurkundet.

Bei Brigitte Wirsbitzki liest man Folgendes: „Um die Mitte des 17. Jahrhunderts haben bereits mehrere jüdische Familien in Moers gelebt. Das Urkundenbuch der Stadt und Herrlichkeit Krefeld und der Grafschaft Moers nennt u.a. die Namen Isaak Nathan, Elias Benedict, Wolff Abrahams, Levi Josef, Lazarus Cerckel.“ [20]

Und weiter heißt es: „1660 Juli 24 – Coppel, hebräischer Herkunft, wird gestattet, 12 Jahre in der Grafschaft Mörs zu wohnen“. [21] „Die Familie Coppel gehört damit nachweislich zu den ältesten jüdischen Familien von Moers. Vorfahren der Familie sollen bereits seit der Zeit um 1000 im Moerser Raum ansässig gewesen sein, wie es in der Familie überliefert ist.“ [22]

Dass die Angehörigen der Großfamilie Coppel durch die Moerser Grafen auf möglicherweise mehrere Dörfer und Gemeinden verteilt worden sind, liegt auf der Hand, legte doch der Landesherr grundsätzlich die Zahl der Niederlassungsberechtigten auf bestimmte Orte fest.

Seit wann die Eltern von Moses und Salomon Coppel in der Rheinstraße in Homberg wohnten, ist noch zu klären. Die Ansiedlung der Familie Coppel in dieser Straße, und zwar mit Wohnhaus, Stallungen und Weiden, ist insofern auffällig, weil die Rheinstraße zu den ältesten Straßen des historischen Homberg gehört und wohl der erste Siedlungsmittelpunkt des Dorfes war. Ob die Coppels sich schon vor Jahrhunderten dort niedergelassen haben oder viel später sich niederlassen durften, ist unbekannt.

Während des Betrachtungszeitraumes hat Moses Coppel es jedenfalls zu Wohlstand gebracht. Er besaß oder pachtete auf Homberger Gebiet mehrere Weiden für sein Vieh. Von der Coppelschen Weide an der Friedhofallee ist von einem Zeitzeugen berichtet worden, dass „sie noch in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts wirtschaftlich genutzt wurde“. [23]

Moses Coppel muss in Homberg ein angesehener Mann gewesen sein. Er zahlte nicht nur einen hohen Steuersatz, sondern er wollte auch Verantwortung für Gemeinde und Bürger übernehmen. Er fühlte sich als deutscher Bürger mit jüdischem Glauben in Staat und Gesellschaft voll integriert. So kandidierte er bereits 1877 bei den Gemeinderatswahlen und wurde nach dem Preußischen Dreiklassenwahlrecht in der Abteilung I (Anm.: Abt. der Wohlhabenderen) in den Gemeinderat für die Wahlperiode 1878 bis 1883 gewählt. Auch in den folgenden Ratsperioden war er Gemeinderatsmitglied in der Bürgermeisterei Homberg bis 1904. [24] Moses Coppel starb am 18. oder 22. 11. 1922 in Homberg.

Als Arbeitshypothese für weitere Untersuchungen kann zz. festgehalten werden, dass die Familie Vasen aus Essenberg und die Familie Coppel aus Homberg die ersten jüdischen Familiennamen im 19. Jahrhundert sind, welche durch Quellenfunde belegt werden können.


Erläuterungen:

(1) Homberg wird ab dem 9. Jh. als „Hohonberg“ urkundlich genannt. Gleiches gilt für „Ascmeri“, das sich sprachlich zu Essenberg entwickelte. Etwa im 11. Jh. tauchte in Moers ein Geschlecht auf, aus dem die späteren Grafen von Moers hervorgingen. Homberg und Essenberg waren über Jahrhunderte Bauernschaften (Honnenschaften) der Grafschaft Moers. (Vergl. Theodor Mohr, Geschichte der Stadt Homberg, S. 20 ff) 1807 wurden die Dörfer Homberg und Essenberg in ihrer Zugehörigkeit zu Frankreich (Besatzungszeit 1801 bis 1815) „zu einer selbständigen Bürgermeisterei erhoben“ (Bestand 22 Homberg, S. 2, Stadtarchiv Duisburg)

Am 1. Jan. 1907 entstand die Gemeinde Homberg, bestehend aus den Ortsteilen Homberg, Essenberg und Hochheide. ie Stadtrechte wurden der Gemeinde Homberg am 12. Febr. 1921 verliehen. (Adressbuch 1925)Am 1. Januar 1975 wurde Homberg mit Ruhrort und Baerl ein Stadtbezirk der Stadt Duisburg.


(2) Grafschaft Moers, siehe auch (1).1594 erwarb durch Schenkung von der letzten Gräfin Walpurgis ihr Neffe Prinz Maurits (Moritz) von Oranien, Regent der Niederlande, die Grafschaft Moers. Am 25. 3. 1702 wurde die Grafschaft Moers preußisch. ( Homberger Verw.-bericht 1901 bis 1909, S. 5) König Friederich I. von Preußen erhob die Grafschaft zum Fürstentum.

1801 bis 1815 Franzosenherrschaft. „Moers gehörte in dieser Zeit zum Departement Roer. Im Arrondissement (Unterpräfektur) Krefeld war Moers Hauptort des Kantons Moers, der den größten Teil der alten Grafschaft umfasste (vgl. 675 Jahre Moers, Festvortrag, 1975). Der Kreis Moers wurde erst am 3. Dez. 1857 als eigenes politisches Verwaltungsgebiet aus dem Kreis Geldern herausgelöst.Mit der Gebietsreform von 1975 ging der Kreis Moers im Kreis Wesel auf.

Von den dörflichen Gemeinden zum Industriestandort Homberg

Erste Verwaltungsstrukturen der Dörfer Homberg, Essenberg und Hochheide

Während der französischen Besatzungszeit (1801 bis 1815) war der linke Niederrhein französisches Staatsgebiet. In dieser Zeit erhielten die Dörfer Homberg und Essenberg verwaltungsrechtliche Strukturen: Sie wurden Bürgermeistereien. Als 1815 das Rheinland wieder zu Preußen gehörte, blieb diese „kommunale Gliederung“ bestehen. Dem Weiler Hochheide, der hinter dem Homberger Busch lag (s. Plan von Katastergeometer Hurzthaler, 1830 – Archiv FHH), wurde zunächst eine Gemeindefläche zugestanden. Später kam es dann auch zur Bildung einer Vertretungskörperschaft in Form der Bürgermeisterei. [25] 1818 zählte man in Homberg 669 Einwohner, in Essenberg 371 und im Weiler Hochheide 93. Die Bevölkerung nahm in den drei dörflichen Gemeinden nur langsam zu. In Homberg wohnten 1834 980 Personen, in Essenberg 456 und in Hochheide 115. Auch von zwei jüdischen Einwohnern in Homberg wird berichtet. [26] Diese beiden Homberger Juden müssen die Eltern von Moses Coppel gewesen sein, denn erst im Folgejahr (1835) war die Familie Coppel durch die Geburt ihres Sohnes Moses Coppel (s.o.) in Homberg zu dritt. Dass der Bevölkerungszuwachs bis Ende des Jahrhunderts - insbesondere in Hochheide – rasant anstieg, dafür sollte ein Ruhrorter Bürger verantwortlich sein.

Franz Haniel - Begründer des Kohlebergbaus am linken Niederrhein

Der Industrielle Franz Haniel aus Ruhrort war Anfang des 19. Jh. bereits ein erfolgreicher Unternehmer u.a. auch im Kohle- und Eisenhüttengeschäft. Um sein Montanunternehmen zu stärken, entschloss er sich als Erster, auf linksrheinischem Gebiet Schachtanlagen abteufen zu lassen, weil er davon überzeugt war, dass er dort durch Tiefenbohrungen (Schachtanlagen) auf Fettkohle stoßen würde, die er, zu Kokskohle verarbeitet, für seine Hochöfen benötigte. [27] Vom Pioniergeist beseelt, erwarb er Ländereien am linken Niederrhein. 1828 ersteigerte er den Homberger Busch. In den Folgejahren ließ er ihn teilweise roden und errichtete 1837 einen Gutshof an der Aktienstraße (den heute denkmalgeschützten Hanielschen Hof an der Moerser Straße). Erst 1851 erhielt Franz Haniel die Konzession zum Abteufen der Schachtanlagen I, II (Malakow-Architektur) und (danach) der Schachtanlage III (1891 Fertigstellung). 1857 stieß man auf erste Kohleflöze. Nach der notwendigen Entwicklung neuer bergbautechnischer Verfahren konnte schließlich das „Steinkohlenbergwerk Rheinpreußen“ in den Siebzigerjahren in Betrieb gehen. [28] Von Anfang an stand das Werk vor dem Problem, genügend qualifizierte Arbeitnehmer und Anlernkräfte zu rekrutieren. „Doch allzu bald war das hiesige Reservoir erschöpft, so daß es galt, allerorten die Werbetrommel zu rühren. Bei dem Versprechen eines guten Lohnes setzte ein Zuzug von Arbeitswilligen aus allen Ländern Europas ein. Holländer, Belgier, Schweizer, Italiener, Österreicher, Jugoslawen, Ungarn, Rumänen, Tschechen, Slowaken und Polen kamen teils mit, teils ohne Familie, um hier Arbeit und Brot zu finden.“ [29] Dieser Schmelztiegel von Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Hintergründen war damals für das Zusammenleben kein Problem. Denn die Bergleute waren sich einig, dass sie nur gemeinsam die harte und gefährliche Arbeit unter Tage bewältigen können. Dazu war aber bedingungsloses Vertrauen und gegenseitige Verlässlichkeit unabdingbar. Das Bewusstsein des gegenseitigen Für- und Miteinanders wurde von den Kumpels auch über Tage gepflegt.

Arbeiterstatistik

Jahr Arbeiter
1870 42
1880 711
1890 1103
1901 3024
1905 4638[30]

Durch den starken Zuwanderungsstrom wuchs für Rheinpreußen die unumgängliche Frage der Wohnraumbeschaffung. Durch die Abholzung des Homberger Busches verfügte Rheinpreußen seit Jahren über eine ausgedehnte Siedlungsfläche, um viele Tausende von Arbeitskräften mit ihren Familien anzusiedeln. Dabei wurde die Rheinpreußenstraße als Siedlungsachse zugrunde gelegt. 1889 begann man mit dem Bau der Siedlungshäuschen, die in Doppelhausform errichtet und mit reichlich Gartenfläche bedacht wurden.“ (Anm.: Teile der Siedlung stehen unter Denkmalschutz.) [31]

Homberg wird Industriestandort

Die Entscheidung von Franz Haniel linksrheinisch mit dem Kohlebergbau zu beginnen, war unstreitigdie Initialzündung für den beginnenden Strukturwandel im hiesigen Wirtschaftsraum. Gleichzeitig hatten auch andere Unternehmer die wirtschaftliche Qualität des Standortes Homberg und Essenberg erkannt. Das im Aufbau befindliches Schienennetz (z.B. Rheinbrücke Rheinhausen 1873) sowie die Nutzung des Rheins als Verkehrsader waren ausschlaggebende Faktoren für ihre Unternehmensgründungen. So wurden ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Homberg die Mühlenwerke von Joh. Küppers Söhne und die Dampfwalzmühle von Stock und Hausmann, das Chemiewerk Sachtleben in Essenberg (1892), Unternehmen und Betriebe wie das Stellawerk (feuerfeste Produkte, 1890) und die Maschinenfabrik Schmitz Söhne (1872) errichtet. Aber nicht nur in den größeren Betrieben wurden Arbeitskräfte nachgefragt. Gleichermaßen etablierte sich über die Jahrhundertwende hinaus eine Vielzahl von weiteren klein- und mittelständischen Unternehmen im Schifffahrtsgewerbe, im Textilbereich, in der Holzverarbeitung, bei der Fleischverarbeitung, im Buchdruck und bei den Ziegeleibetrieben, die nicht zuletzt Zulieferer für die zahlreichen Bauunternehmer waren. Die Zuwanderungen vor und nach der Jahrhundertwende lassen sich in der Bevölkerungsstatistik nachlesen. Dabei ist ab 1900 der Trend zu erkennen, dass die Zahl der Einwohner in Hochheide die Zahl der Einwohner in Homberg in den Folgejahren übertreffen wird.

Zuwanderung nach Homberg

Jahr Homberg Hochheide Essenberg Insgesamt
1880 4631 1359 1152 7142
1890 5257 1597 1180 8034
1900 6704 5874 1826 14404
1905 8555 12509 2624 23688
1906 9352 13571 2860 25783[32]


Am 1. Januar 1907 wurden die drei Bürgermeistereien zur Landgemeinde Homberg zusammengelegt (Vereinigungsvertrag). Das Steueraufkommen floss nun zum ersten Mal in eine Gemeindekasse. Die Gemeinde Homberg trat verstärkt als kommunaler Investor auf. Der Straßen- und Kanalbau wurde forciert, es wurden Schulen gebaut und neue Bildungsgänge angeboten, die nun auch die höhere Bildung (Oberrealschule – heute FHG) sowie berufliche Fortbildung umfassten. [33]


Das Leitbild der „Stadt im Grünen“, von BM Wendel (Amtszeit 1903 bis 1934) angestoßen, nahm Zug um Zug deutlichere Konturen an. Die Eröffnung der Brücke über den Rhein nach Ruhrort im Jahr 1907 war ein glanzvoller Höhepunkt kommunaler Politik.

Landgemeinde
Homberg
Einwohner
1907 24733
1910 25486
1913 27129
1914 26091 [34][35]


Mit der Wirtschaftskraft der Zeche Rheinpreußen als Basis und im Verbund mit der gemischten Unternehmensstruktur in Homberg hatte sich ein kontinuierlich wachsender, stabiler Industriestandort entwickelt, der seine Attraktivität bis zum Beginn des 1. Weltkrieges 1914 ausbaute.

Theodor Mohr beschrieb diese Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs mit den Worten:

„Diese Zeit kurz vor und nach 1900 war für Homberg wahrhaft eine Zeit des Wirtschaftswunders.“ [36]

Zu- und Abwanderungen von Juden in Homberg

Zuwanderungen in den 1890er Jahren

style="float:right; margin-right:5em"

Wie dargelegt wurde, lebten im Jahr 1890 in Homberg und Essenberg 10 Juden. Sie rekrutierten sich aus den Mitgliedern der Familien Coppel und Vasen. 1895 wurden zum ersten Mal in Homberg und Essenberg 16 jüdische Mitbürger gezählt. Die Einwohnerstatistik von 1900 weist 15 Juden aus, von denen 11 in Homberg lebten und 4 in Hochheide. In Essenberg wohnte zu diesem Zeitpunkt kein jüdischer Mitbürger mehr. Der erste Zuwanderer mit jüdischem Glauben war Paul Gutmann aus Bremen. Er kam im Jahr 1898 nach Homberg. [37] Er war wohl weniger interessiert an einem Arbeitsplatz bei Rheinpreußen oder in einem Homberger gewerblichen Unternehmen. Paul Gutmann zog in das Haus der Familie Coppel in der Rheinstraße ein. Er war wie Moses Coppel Viehhändler und wurde bald Schwiegersohn der Familie, da er die Tochter Betty ehelichte. Er führte den Viehhandel von Moses Coppel nach dessen Ableben (1922) fort. Die Duisburger Forschungen geben zu weiteren Zuwanderungen zwischen 1885 und 1900 keine präzisen Hinweise. Es heißt lediglich: „Vor 1901 ist der Jude Abraham Gerson mit Ehefrau Rosa, geb. Haas, aus Rheinberg in Homberg, Moerser Straße 89, zugezogen.“ Abraham Gerson war von Beruf Kaufmann. Die Gersons hatten fünf Kinder, die aber nicht alle mit den Eltern nach Homberg umgezogen waren. denn vom Sohn Karl (geb. 6. 6. 1878) wird berichtet, dass er erst „vor 1902“ in Homberg“ wohnte, und zwar auf der Moerser Str. 169. [38] Weiterhin wird der jüdischen Kaufmann Ludwig Gerson (geb. 1877), ebenfalls aus Rheinberg, genannt. Sein Zuzugsdatum in Homberg ist nicht bekannt. Er wohnte aber zunächst mit seiner Frau Sophia, geb. Bach, in Hochheide, Moerser Straße 169, also im Haus des Karl Gerson. Erst 1906 zog er zur Moerser Straße 325 um. Alle weiteren Zuwanderungen sind nach den Duisburger Forschungen eindeutig nach 1900 erfolgt. Demnach sind es also drei jüdische Familien, die sich bis 1900 im Raum Homberg, Essenberg und Hochheide niedergelassen hatten:


Die Familien

  • Moses Coppel (mit Paul Gutmann als Schwiegersohn)
  • Marcus Vasen und
  • Abraham Gerson (erste Zuwanderung).


Besonders ab 1900 übte das prosperierende Homberg eine Sogwirkung nicht nur auf Tausende von Arbeitnehmern aus, die sich Beschäftigung im Bergbau, in der Industrie oder im Handel versprachen, sondern es waren auch Kaufleute aus dem Einzelhandel oder aus dem Diestleistungssektor, die eine unternehmerische Chance sahen, Geld zu verdienen. Denn Homberg hatte als Gesamt-Gemeinde ab 1907 über 25.000 Einwohner und damit auch über 25.000 Konsumenten. Die stabile wirtschaftliche Weiterentwicklung Hombergs zog natürlich auch Juden aus der unmittelbaren Umgebung, aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und darüber hinaus an.

Zuwanderungen von jüdischen Familien bis 1925

  • 1898 von Bremen, Gutmann, Paul, Kfm. – Viehhändler, Rheinstr. 27 (Einzelperson)
  • 1900 (oder davor) von Rheinberg, Gerson, Abraham, Kfm., Moerser Str. 89
  • 1900 (oder davor) von Rheinberg, Gerson, Ludwig, Kfm., Moerser Str. 169
  • 1903 von Dortmund, Geib, Abraham, Arbeiter, Kirchstr. 95
  • 1905 von Ahlen, Spiegel, Nathan, Kfm., Moerser Str. 52
  • 1905 von Dortmund, Strauß, Isaak, Kfm. - Kaufhaus-, Moerser Str. 323
  • 1906 von Hamm, Löwenthal, Max, ? , Moerser Str. 46, 1910 Fam. nach Wuppertal
  • 1906 von Diedenhofen (Frankr.), Leib, Gustav, Kfm., Moerser Str, 132, 1909 Fam. nach Düsseldorf
  • 1906 von Remscheid, Dannenberg, Artur, Kfm., Moerser str. 218
  • 1908 von Groningen/NL, Bleekroode, Samuel, Bergmann/Lampenputzer, Kirchstr. 156
  • 1908 von Moers, Vasen, Hugo, Kfm. – Viehhändler/Metzger, Schützenstr. 87 (Saarstraße)
  • 1909 von Soldau (Ostpreußen), Seelig, Leopold, Kfm., Moerser Str. 228
  • 1910 von Neuwied, Witwe Juliane Krämer heiratet Abraham Geib, o. B., Breite Str. 15, erneut Witwe seit 1918, sie hatte insgesamt fünf Kinder. Sie eröffnete 1925 ein Lebensmittelgeschäft. Ihre Söhne Lothar (Lotharius), geb. 1900, und Peter, geb. 1904, aus erster Ehe, waren Bergleute, 1933 lebte sie auf der Poststr. 75.
  • 1914 von Moers, Nathan, Samuel, Arbeiter, Franzstr. 112, Prinzenstr. 79 (1934)
  • 1915 von Moers, Nathan Richard, Bergmann, Metzger, Prinzenstr. 79 (1938)
  • 1918 von Metz/Frankreich, Jablonski, Georgette, ? , Friedenstr. 19 (Schwester v. Gaston Jablonski)
  • 1919 von Schlochau (Westpreußen), Abraham, Betty, Verkäuferin, Moerser Str. 283, 1925 nach Meiderich
  • 1919 von Rheinhausen, Abraham, Leo, Kfm., Moerser Str. 283
  • 1920 Grenzmark Posen/Westpreußen, Abraham, Adolf, Kfm., Poststr. 17, 1925 nach Duisburg
  • 1920 (um) von Schalbach/Saarburg (Frankr.) Jablonski, Gaston, Kfm., Friedenstr. 19
  • 1920 von Rheinhausen, Abraham, Adolf, Kfm., Poststr. 1
  • 1923 von Viersen, Karten, Israel, Kfm., Moerser Str. 327
  • 1924 von Aachen, Spiegel, Benjamin, Kfm., Poststr. 19
  • 1924 von Moers, Holthausen, Klara, geb. Vasen, (Eltern Benjamin Vasen und Sara, geb. Coppel, heiratete Johann Holthausen (Nichtjude aus Homberg), Bergarbeiter, Rheinpreußenstr. 57.

Zwischen 1903 und 1913 waren in Homberg - neben den drei jüdischen Familien Coppel, Vasen und Gerson - weitere neun jüdische Familie sesshaft geworden. Obgleich sich einige der zugezogenen Familie nach ein paar Jahren wieder nach anderen Gemeinden abmeldeten (s.o.), stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung, vor allem auch durch Geburten in den Familien, bis 1913 auf 46 Personen an. Der erwartete schnelle Sieg zu Beginn des 1. Weltkrieges im Jahr 1914 trat nicht ein. Er dauerte bis November 1918 und endete mit der Kapitulation. Durch die Seeblockade der alliierten Streitkräfte gleich zu Beginn des Krieges war Deutschland von den Weltmärkten abgeschlossen. Die Ernährungslage der Bevölkerung begann sich umgehend und dramatisch zu verschlechtern. Bereits ab 1915 wurde Brot durch die Gemeindeverwaltung auf Karten (täglich 250 Gramm pro Kopf) ausgegeben. Im Folgejahr erstreckte sich diese Zwangsrationierungen auf Kartoffeln, Fleisch, Milch, Butter, Fett, Zucker, Eier und Seife. Für Bekleidungsstücke und Schuhe mussten ebenfalls stadtseitig Bezugsscheine ausgegeben werden. [39]

Trotz dieser äußerst schwierigen Lebensumstände während des Krieges, trotz der nachfolgenden Hyperinflation im Jahr 1923 mit zeitweiser hoher Arbeitslosigkeit und trotz der Besetzung des Rheinlandes durch belgische und französische Truppen (Homberg bis Ende Januar 1926), riss der Zuzug jüdischer Familien nach Homberg nicht ab. Bis 1925 ließen sich weitere neun jüdische Familien in Homberg nieder. Die Bevölkerungsstatistik von 1925 weist den höchsten Anteil jüdischer Mitbürger in Homberg aus (Grafik): 85 Juden von 26.649 Einwohnern. Das ist ein Bevölkerungsanteil von 0,32 Prozent oder 1 Jude auf 313 Nichtjuden.

Berufsstruktur der jüdischen Zuwanderer

Wenn man nun die Berufsstruktur der jüdischen Mitbürger in Homberg betrachtet, so zeigt sich, dass die jüdischen Zuwanderer keinem Beruf mit akademischer Ausbildung nachgingen oder in irgendeiner Weise dem Finanz- oder Großbürgertum angehörten.

Eine Ausnahme in dieser Kategorie war der Sohn der alteingesessenen Familie Coppel von der Rheinstraße. Der erstgeborene Sohn, Julius Coppel (geb. 1880), hatte nicht nur das Gymnasium (wahrscheinlich das Adolfinum in Moers) besucht, sonder auch Tiermedizin studiert. Aber Dr. Julius Coppel verließ Homberg bereits 1908 und übte seinen Beruf in Moers aus.

Zu den typischen jüdischen Berufen gehörten unter anderem die des Viehhändlers und des Metzgers.

Diese Berufe für Juden konnten bereits ausgeübt werden in der Zeit der regulierten Berufswahlmöglichkeiten unter der Aufsicht der Landesherren (s.o.). Auch am Anfang des 20. Jahrhunderts betätigte man sich traditionell in dieser Erwerbsbranche. Die Viehhändler kauften oder züchteten Schlachtvieh, um es an die zahlreichen Metzgereien zu verkaufen. Die Homberger Hugo Vasen (Viehmakler) und die Familie Coppel waren solche Viehhändler.

In einem Zeitungsinserat machten die Gebrüder Coppel auf ihr Geschäft aufmerksam:

„Wir erhalten am Montag, dem 27. Dezember einen Transport hochtragender und frischmelkender K ü h e. Gebr. Coppel, Homberg - Niedrh., Rheinstraße 27, Telefon Dsbg.- Nord 43963“ [40]

Die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfassungsrechtlich garantierte freie Berufswahl der Juden in Deutschland hatte mit der Zeit eine Reihe von branchenspezifischen Erwerbstätigkeiten im Einzelhandelsbereich hervorgebracht, die typisch für Juden waren.

Die ab 1900 in Homberg zugezogenen Juden werden in überwiegender Zahl als Kaufleute ausgewiesen (s.o.). Die meisten von ihnen hatten bereits vor ihrer Zuwanderung ein Wareneinzelhandelsgeschäft im Familienbesitz besessen, in denen Ehefrau und Kinder in der Regel mitarbeiteten.

Mit über 25.000 Einwohnern gehörte Homberg zu den drei größten Gemeinden im Kreis Moers und war dadurch ein vielversprechender Absatzmarkt.

Um eine optimal Erreichbarkeit für ihre potenziellen Kunden zu erlangen, bevorzugten die jüdischen Geschäftsleute als Standort für ihre Unternehmen die Moerser Straße in Homberg und Hochheide. Entlang dieser Geschäftsstraße (bis zur Grenze nach Moers) wurden dem Kunden neben Artikeln des täglichen Bedarfs auch mittel- und langfristig zu nutzende Waren angeboten:

Lebensmittelgeschäfte, Metzgereien, Obst- und Gemüse-Läden, Süßwaren-Großhandel, Manufakturwarenhäuser, die über ein Gemischtwarenangebot aus Textilien und Waren für Haushalt und Familie, insbesondere Eisenwaren, Haus- und Küchengeräte bis zu Möbeln verfügten, Geschäfte für Damen- und Herrenausstattung sowie Schneiderateliers für Damen und Herren und Schuhgeschäfte. [41]

Diese Palette von Warenangeboten in jüdischen Geschäften ergänzte beziehungsweise konkurrierte mit den Warenangeboten der alteingesessenen Homberger Einzelhändler. Einerseits bot die in relativ kurzer Zeit stark angewachsene Bevölkerungszahl in Homberg allen Gewerbetreibenden eine ausreichend ökonomische Basis, andererseits war die Zahl der jüdischen Geschäfte im Verhältnis zu nichtjüdischen Geschäften derart gering, dass eine Konkurrenzsituation nicht wirklich zustande kam.

Bei der Befragung von Zeitzeugen ist nie auf Probleme mit jüdischen Händlern hingewiesen worden. Das Gegenteil war der Fall: Von der Jüdin Henriette (Henny) Coppel, die auf der Rheinstraße ein Manufakturwarengeschäft führte, wurde berichtet, dass „sie kranken Kindern aus der Nachbarschaft Milch ihrer Kühe kostenlos zukommen ließ“. Außerdem „ ließ sie unbezahlt eingekaufte Waren anschreiben und in kleinen Raten zurückzahlen“. [42]

Vom jüdischen Schuhhändler Artur Dannenberg in Hochheide erzählte man, dass er einem kleinen Jungen, der seine ersten Fußballschuhe kaufen wollte und dem fünf Mark am Kaufpreis fehlten, diesen Fehlbetrag erlassen hat. In einem nichtjüdischen Schuhgeschäft hatte man diese Großzügigkeit nicht aufbringen wollen. [43]

Die Branchenverzeichnisse in den Homberger Adressbüchern von 1913, 1925, 1934 und 1938 weisen die nachstehenden Erwerbstätigkeiten aus:

  • Damenschneiderei

Spiegel, Ruth, Margarethenstr. 26 (1934) Weiß, Berta, Moltkestr. 9 (1934) (1938), Jüdin ???

  • Eisenwarenhandlung

Pfaff, Jakob, Moerser Str. 83/85 (1925)(1934),(Elise 1938), Jude ???

  • Gemüse-, Obst- und Kartoffelhandlungen

Geib, Juliane, Wwe. Krämer, Breitestr. 15 (1934)(1938), (verh. in 1. Ehe mit Nichtjuden Johann Krämer)

  • Gewerbebetriebe im Umherziehen

Krämer, Peter, Breitestr. 15 (1925, Arbeiter)(1938 Luisenstr. 85), Mutter Jüdin, Vater Nichtjude (s.o.) Gerson, Karl, Moerser Str. 89 (1925)(1934)(1938) Spiegel, Nathan, Moerser Str. 52 (1925), Margarethenstr. 26 (1934)

  • Haushaltungs-, Galanterie-, Porzellan- und Spielwarengeschäft

Singer, Eduard, Moerser Str. 52, (1925), Jude ??? Pfaff, Elise, Moerser Str. 83/85 (1934)(1938), Jüdin ???

  • Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäfte

Coppel, Henni, Rheinstr. 27 (1925), (1934) (1938) Gerson, Karl, Moerser Str. 89 (1925), (1934) (1938) Karten, Israel, Moerser Str. 327 (1925) (1934) (1938) Strauß, Isaak, Moerser Str. 323 (1925) (1934) (1938)

  • Schneider

Spiegel, Nathan, Moerser Str. 52 (1925) (1934 Margaretenstr. 26) Salomon, Paul, Adolf-Hitler-Str. 65 (Augustastr. 65) (1925) (1934) (1938) (1952!)

  • Schuhmacher- und Schuhwarenhändler

Seelig, Leopold, (1913 Moerser Str. 228) (1925) Dannenberg, Artur, Moerser Str.218 (1934)

  • Tabakwaren, Zigarrenhandlungen

Jablonski, Gaston, Friedenstr. 10 (1925)

  • Viehhandel:

Coppel, Gebrüder, Rheinstr. 29 (1925) (1934)

  • Zuckerwarenhandlungen:

Jablonski, Gaston, Friedenstr. 19 (1925)

Aus der Tabelle der zugewanderten jüdischen Familien ab 1903 geht hervor, dass die jüdischen Neubürger nicht nur in kaufmännischen Berufen Arbeit und Brot erwarben. Einige Wenige der Zuzügler wie Abraham Geib und Samuel Nathan wurden als Fabrikarbeiter ausgewiesen; Richard Nathan und Samuel Bleekroode mit seinen Söhnen Hermann und Simon hatten sich als Bergleute bei Rheinpreußen verdingt. Die hohe Zahl jüdischer Geschäftsleute gegenüber jüdischen Arbeitern weist darauf hin, dass weniger die Nachfrage nach Arbeitskräften bei Bergbau und Industrie die Juden veranlasste, ihre angestammten Wohnsitze aufzugeben, sondern dass das eigentliche Zugpferd für ihre Mobilität der gewinnversprechende Absatzmarkt in Homberg mit über 25.000 Einwohnern war.

Die jüdischen Kaufleute gehörten finanziell sicherlich nicht zu der einkommensstärkeren Schicht der Homberger Bevölkerung. Sie konnten aber der unteren Hälfte der so genannten Mittelschicht zugerechnet werden. Solange die Mittel- und Großbetriebe im hiesigen Wirtschaftsraum ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung stellten und damit die Einkommen der Familien garantierte, war auch der Absatzmarkt für die Homberger Geschäftswelt gesichert.

Doch Krieg und Wirtschaftskrisen übten ab 1914 permanent einen existenziell bedrohlichen Druck auf alle Unternehmen aus.

Verhältnis zwischen Hombergern und ihren jüdischen Mitbürgern

Die (bis 1925) zugezogenen jüdischen Familien wurden in Homberg als Mitbürger mit jüdischem Glauben wahrgenommen. Sie waren deutsche Staatsbürger und waren in der Geschäfts- und Arbeitswelt eingebunden. Was ihnen fehlte, war die kulturelle Einbindung beziehungsweise Integration. Es gab in Homberg keine gesellschaftliche Ebene, wo jüdische Mitbürger eine Rolle gespielt hätten. Die Juden hielten sich dem Vereinsleben fern. Dadurch grenzten sie sich von der übrigen Gesellschaft ab.

Der einzige prominente Jude, der für sich die Beschreibung eines voll integrierten Juden hätte in Anspruch nehmen können, wäre Moses Coppel gewesen, der als Unternehmer Steuerzahler der Klasse I war und sich bis 1904 als Gemeinderatsmitglied in der Bürgermeisterei Homberg für die Belange seiner Mitbürger einsetzte (s.o). [44]

Das gemeinsame Leben in Homberg zwischen Juden und Christen war unauffällig, war doch auch die Zahl der Juden gemessen an der Gesamtbevölkerung sehr gering (s.o.). Seitens der Juden gab es zu keiner Zeit glaubensbedingte Forderungen an die Kommune wie etwa nach einem Gebetsraum (Synagoge) oder einem eigenen Friedhof. Die Homberger Juden gehörten der Synagogengemeinde Moers an, wo sie gemeinsam mit ihren Glaubensbrüdern ihre religiösen Feste feiern konnten. Da die jüdische Gemeinde in Moers über einen eigenen Friedhof verfügte, wurden dort auch Homberger Juden bestattet. Auf dem jüdischen Teil des Moerser Friedhofs an der Rheinberger Straße befindet sich noch ein Grabstein von Max Seelig, der am 29. Dez. 1925 in Hochheide verstorben war.[45]

Das gemeinsame Lernen von jüdischen und christlichen Schulkindern machte ebenfalls keine Probleme. Jüdische Schülerinnen und Schüler hatten das Recht und die Pflicht zum Schulbesuch. Sie konnten wählen, ob sie eine öffentliche Volksschule (Klassen 1 bis 8) besuchen wollten oder die jüdische Schule in Moers. [46]

Der Zugang zum Lyzeum oder Gymnasium in Moers bzw. zur Oberrealschule in Homberg nach der 4. Klasse stand ihnen offen. So besuchten die Geschwister Helene (geb. 16. 10. 1913) und Irma Seelig (geb. 9. 5. 1916) aus Hochheide das Lyzeum in Moers. [47]

Der jüdische Schüler Kurt Gerson (Sohn von Karl Gerson) von der Moerser Str. 89 wurde 1922 an der Oberrealschule an der Wilhelmstr. 25 eingeschult und mit dem Abitur 1931 verabschiedet. Seine Schwester Hildegard besuchte ebenfalls die Homberger Oberrealschule, musste aber nach sechs Jahren Schulbesuch im Jahr 1934 auf Druck der Homberger Nationalsozialisten die Schule verlassen. [48]

Abwanderung der Juden aus Homberg nach 1925

Das Ende des Krieges im November 1918 hatte die revolutionäre Veränderung des Deutschen Kaiserreiches in eine parlamentarische Demokratie zur Folge, die Weimarer Republik (1919 bis 1933). „Es folgten die Krisenjahre von 1919 bis 1923 in denen die Republik mit den Kriegsfolgelasten, einer Hyperinflation (1923) sowie zahlreichen Umsturzversuchen zu kämpfen hatte (Anm.: u.a. Adolf Hitler 1923 in München). In den Jahren 1924 bis 1929 erlebte sie eine Zeit der relativen Stabilität und wirtschaftlichen Erholung. [49]

Die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929, die Instabilität der Regierungen in Berlin, insbesondere nach dem Bruch der Großen Koalition am 27. März 1930 (Präsidialkabinett) und der Aufstieg des Nationalsozialismus mündeten schließlich in ihren Untergang. [50]

Auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland aber drückte nach dem Ende des Krieges ein noch ganz anderer Schuh: etwa 6 Millionen zurückkehrende Soldaten mussten „demobilisiert“, d.h. in die deutsche Gesellschaft und damit auch in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Bis Ende des Jahres 1922 kamen in Homberg nur einzelne Arbeitslose zur Anmeldung, für die sofort Arbeit vermittelt werden konnte. Im Inflationsjahr 1923 stieg die Arbeitslosigkeit allerdings dann sprunghaft an. Hinzu kam die Ruhrbesetzung im Frühjahr 1923, welche die Arbeitslosigkeit zusätzlich nach oben trieb. Am 1. November 1923 zählte man in Homberg 3.188 Erwerbslose.“ Um die galoppierende Hyperinflation einzudämmen, beschloss die Reichsregierung, den Wert des Geldes durch einen Währungsschnitt wieder herzustellen. Die Rentenmark wurde eingeführt (15. 11. 1923), die später von der Reichsmark wertgleich abgelöst wurde.

Nach dieser Entscheidung ging die Zahl der Erwerbslosen wieder zügig zurück. „Am 1. April 1924 waren nur noch 531 Personen in Homberg arbeitslos. Die weitere Besserung des Arbeitsmarktes bewirkte, daß am 1. Januar 1925 nur noch an 19 Personen Erwerbslosenunterstützung gezahlt wurde.“ [51]

Schließung der Zeche Rheinpreußen leitet Abwanderung ein

„Leider bedingten im Sommer 1925 die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse im Bergbau die Stillegung der hiesigen Schachtanlagen I/II (Schacht III bereits 1914) der Zeche Rheinpreußen. Die dadurch zur Entlassung kommenden Arbeiter konnten anderweitig nicht alle untergebracht werden, so daß am 15. August 1925 bereits wieder 388 Personen in der unterstützenden Erwerbslosenfürsorge standen. Am 31. März 1926 waren es 747.“

Mit der Beendigung des Bergbaus in Homberg war der wichtigste Arbeitgeber für die Homberger Wirtschaft weggebrochen. Den Zulieferungsbetrieben für die Zeche fielen Aufträge weg, die Kommune erhielt weniger Steuern, musste aber mehr Erwerbslosenunterstützung zahlen, die Kaufkraft der Familien nahm ab, was zur Folge hatte, dass alle Geschäft, also auch die jüdischen, einer abflauenden Güternachfrage gegenüberstanden.

Der Bericht über die wirtschaftliche Fürsorge im Homberger Verwaltungsbericht 1926 bis 1932 gibt Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse in Homberg, wenn Bürgermeister Wendel schreibt: „Die gesamte Berichtszeit stand im Zeichen des wirtschaftlichen Niederganges, der die Fürsorgelasten von Jahr zu Jahr anwachsen ließ, sodaß es immer schwieriger wurde, den städtischen Haushalt auch nur notdürftig in Ordnung zu halten. Schon am Anfang der Berichtszeit wirkte sich die im Jahre 1925 eingetretene Stillegung der Schächte I und II der Gewerkschaft Rheinpreußen auf den Fürsorgeetat sehr ungünstig aus. Wenn auch von den hierdurch betroffenen 3.400 Bergarbeitern der weitaus größte Teil auf auswärtigen Schächten nach und nach wieder Arbeit fand, so wurden doch einige hundert Leute im Hinblick auf ihr Alter nicht wieder eingestellt.

Zahl der Fürsorgeempfänger (Gesamtzahlen):

Bereinigte Arbeitslosenzahlen sind im Bericht nicht ausgewiesen, korrespondieren jedoch mit den erfassten Zahlen der Fürsorgeempfänger.

Jahr Personenzahl
1927 575
1928 851
1929 1067
1930 2027
1931 3897
1932(März) 5052 (18,5% d. Bev.)[52](52)


In den Jahren nach 1925 gab es in Homberg zunächst keine Zuwanderung mehr. Jedoch wurden zwischen 1926 und 1937 fünf Kinder in jüdischen Familien geboren. [53]

Als erster Zuwanderer nach 1925 ließ sich im Jahr 1930 der Jude Jonas Ring aus Camp/Lintfort mit Ehefrau und Sohn in Homberg nieder. Er war Reisender und wohnte zuletzt mit seiner Familie im Haus des Karl Gerson auf der Moerser Str. 89, das um 1940 als Judenhaus ausgewiesen wurden (s. Chronik: 14. Nov. 35 - Judenhaus - Jan. 41. Alle Bewohner dieses Hauses kamen in Konzentrationslagern der Nazis ums Leben.)

Von den 85 Juden im Jahr 1925 hatten bis Ende 1929 23 jüdische Mitbürger Homberg verlassen. Durch zwei Neugeburten (1926 und 1929) ergab sich Ende 1929 statistisch eine Einwohnerzahl von 64 Personen. Die ersten Abwanderungen jüdischer Familien zwischen 1926 und Ende 1929 waren offensichtlich ökonomische motiviert, denn Hitlers rassistische und antisemitische Ideologie wurde erst ab der Machtergreifung Hitlers mit steigender Demagogie verbreitet und von breiteren Kreisen der deutschen Gesellschaft aufgenommen und unterstützt.

Die kommunale Politik in Homberg und im Kreisgebiet wurde in den Zwanzigerjahren der Weimarer Republik von den etablierten Parteien bestimmt. Mitglieder der NSDAP traten noch nicht in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Zur Frage der Integration der Juden in Deutschland

Wurden die deutschen Juden von den Deutschen jemals als integriert betrachtet?

Seit es Juden im Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation gab, wurden sie als religiöse Fremdkörper im christlich-katholischen Abendland behandelt. Auch der Protestantismus des Reformators Martin Luther hat an dieser Haltung nichts geändert. Im Gegenteil. Mit Luthers Hetzschriften gegen die Juden wurde sogar der Schulterschluss mit der katholischen Kirche vollzogen. Die gegenseitige Missachtung und Verunglimpfung trieben die Juden in die örtliche Diaspora, oder, wie man heute formuliert, in eine Parallelgesellschaft, wo sie sozial-gesellschaftliche Kontakte nur unter Ihresgleichen finden konnten.

Erst die Phase der Säkularisierung nach der Französischen Revolution öffnete den Weg zu mehr Emanzipation für die Juden in der modernen deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Mit dem Beginn des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I. säkularisierte sich auch der jüdisch religiöse Lebensstil. Jedoch war diese Entwicklung eingeklemmt im Spannungsfeld von orthodox und liberal denkenden Juden.

Doch der Ausbruch des 1. WK wurde zur Blaupause für das Bekenntnis der Juden für Volk und Vaterland. Anteilmäßig stellten sie gleichviele Soldaten wie Nichtjuden.Ihr patriotisches Kampfverhalten wurde gleichermaßen mit zahlreichen Tapferkeitsmedaillen und Beförderungen ausgezeichnet. Dennoch diskriminierte das deutsche Offizierskorps über Pressekampagnen die jüdischen Soldaten als Drückeberger. Von den 85.000 deutschen Juden sind etwa 12.000 gefallen. [54]

Das immer stärker aufkommende national-völkische Gedankengut, propagiert von nationalistischen Gruppierungen und Parteien, konterkarierte jegliche Versuche einer gewünschten Integration. „Die gemeinsame Hungers- und Leidenszeit während des 1. WK halfen also nicht, die letzten bestehenden Unterschiede zu überwinden. Die patriotische Begeisterung wurde den Juden nicht abgenommen, so dass mit dem Ende des Krieges für die meisten Juden der Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und vollständige Integration nicht beendet war. Im Gegenteil: An die Stelle des auf religiöse Abgrenzung und abergläubischen Gerüchten beruhenden Antijudaismus war der Antisemitismus getreten.“ [55]

Aufstieg und Machtergreifung der NSDAP durch Wahlerfolge

Adolf Hitler saß bis 1925 seine Haftstrafe wegen seines Putschversuches am 9. November 1923 in München im Gefängnis in Landsberg am Lech ab. Sein erster Schritt nach der Haftentlassung war die Neugründung der mit seiner Aburteilung verbotenen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Seine während der Haftzeit verfasste Propagandaschrift „Mein Kampf“, die 1925/26 veröffentlicht wurde, fand noch keinerlei Resonanz von politischer Bedeutung.

Er begann mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Parteiorganisation in ganz Deutschland, um die Umsetzung seiner rassistischen Ideologie in die Wege zu leiten. Dieser Prozess verlief zunächst schleppend und ohne spektakuläre politische Erfolge bei Wahlen. Das wurde dann auch bei der Reichstagswahl von 1928 mit aller Deutlichkeit offengelegt.

Reichstagswahl 1928

„Bei der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 erhielt das völkische Lager einschließlich der NSDAP nicht mehr als acht Prozent der Stimmen.“ [56]

In Homberg stimmten bei diesem Wahlgang lediglich 88 von 12.208 abgegebenen Stimmen für die NSDAP oder 0,72 Prozent. [57]

Die NSDAP war in der Republik wie in Homberg eine Splitterpartei, die mit bis zu 16 weiteren Parteien konkurrierte. Zu diesem Zeitpunkt konnte für die Juden aufgrund der Wahlergebnisse eine existenzielle Bedrohung durch die Nazis generell ausgeschlossen werden. Die 23 Juden, die Homberg bis Ende 1929 verließen, hatten demzufolge wohl eher ökonomische Motive, um diesen Schritt zu tun.

Reichstagswahl 1930

Gründung von NSDAP Ortsgruppen

Der Aufbau der Parteistrukturen der NSDAP begann im Kreis Moers schon ab 1926. In diesem Jahr wurden zwei Ortsgruppen (OG) ins Leben gerufen: OG Moers/Vluyn und OG Rheinhausen. Die Rheinhauser Nazis waren „mit 50 Mitgliedern lange die „Hochburg“ am Niederrhein. Unter Führung dieser beiden Ortsgruppen wird bereits 1927 die SA (Sturmabteilung) im Kreis Moers gegründet. [58]

In Homberg fanden sich erst Mitte 1930 Mitglieder der NSDAP zusammen, um die Ortsgruppen Homberg/Essenberg und Hochheide zu gründen. [59]

Mit der Gründung der Ortsgruppen stieg nicht nur die Organisationskraft der Partei, sondern die Unterstützung durch externe NS-Parteiredner war für den Wahlkampf vor Ort gesichert. Die nächste Wahl des Reichstags war für den 14. September 1930 angesetzt worden. „Der Grafschafter“, Tageszeitung in den meisten Gemeinden des Kreises Moers, berichtete nun auch von Versammlungen der NSDAP in Homberg/Hochheide. Daraus geht hervor, dass Kern der politischen Vorträge das Thema Schutz des deutschen Volkes vor dem Marxismus - Bolschewismus war. Der Kommunismus in Deutschland wurde von der NSDAP als erklärtes Feindbild gebrandmarkt und durch Angstprognosen verteufelt. [60]

Wegen der inneren Zerrissenheit des parlamentarischen Systems während der Weimarer Republik und der daraus folgenden Instabilität der Regierungen war es notwendig geworden, vorzeitig am 14. September 1930 eine Neuwahl des Reichstags durchzuführen. Der systemische Grund dafür war, dass die maßgeblichen Parteien aus dem linken politischen Spektrum - SPD und KPD - wie aus den rechten politischen Spektrum - DNVP und NSDAP - die mit der Weimarer Verfassung 1919 neu begründete politische Ordnung nicht akzeptierten. [61]

Der Wahlkampf der NSDAP wurde 1930 von Joseph Goebbels zentral organisiert und neu akzentuiert: „Die NSDAP prangerte den Zerfall Deutschlands unter dem „System von Weimar“ an, beschwor die nationale Volksgemeinschaft und stellte die herrschende Weltwirtschaftskrise als Komplott gegen Deutschland dar. Auf offen antisemitische Propaganda wurde auf Weisung Goebbels weitgehend verzichtet. Im Wahlkampf der NSDAP herrschte stattdessen jetzt nationale, antikommunistische und antikapitalistische Propaganda vor.“ [62]

Die Hitler-Partei präsentierte sich dem Wahlvolk als Hoffnungsträger eines neuen Deutschland. [63]

Der NSDAP gelang mit 6,4 Millionen Stimmen nach 810.000 im Jahr 1928 der Durchbruch: Sie wurde zweitstärkste Fraktion im Reichstag nach der SPD. Die Analyse der Wahlen ergab, dass die Faschisten in allen Klassen und Schichten der Bevölkerung in nennenswerter Weise Wählerstimmen rekrutieren konnten. [64]


Reichstagswahl 1930 Homberger Ergebnis
SPD 24,5% 19,94%
NSDAP 18,3% 25,27%
KPD 13,1% 17,18
Zentrum 11,8% 15,34%

Auch in Homberg zeigte die Anti-Weimar-Stimmung beim Wahlgang am 14. September 1930 überraschende Ergebnisse: Von 13.983 abgegebenen Stimmen entfielen auf die NSDAP 3.508 (25,27 Prozent), SPD 2.771, KPD 2.385 und Zentrum 2.129 (alle übrigen Parteien blieben weit unter 1.000). [65]

In Homberger waren die Faschisten eindeutig die Wahlgewinner. Die Zusammensetzung der Homberger Stadtverordnetenversammlung (Ratsversammlung / Rat) entsprach dem letzten Kommunalwahlergebnis vom 17. November 1929. Die NSDAP konnte 1929 von den 32 Sitzen der Ratsversammlung noch kein Mandat gewinnen.

Das veränderte Wählerverhalten der Bürger 1930 zugunsten der NSDAP im Reich wie in Homberg sowie die rasant steigende Zahl der Beitrittserklärungen zur NSDAP bestärkte die Ortsgruppe Homberg in ihrem Anspruch , die Machtverhältnisse im Rathaus dem aktuellen Wahlverhalten anzupassen. Sie stellte den schriftlichen Antrag auf Auflösung der Stadtverordnetenversammlung. In der Niederschrift der Ratssitzung vom 8. Oktober 1930 wird unter Tagesordnung Punkt 8 festgehalten: „Auf Antrag des Mitglieds Krämer I (S.P.D.) beschloß die Versammlung, über diesen Punkt zum nächsten Punkt der Tagesordnung überzugehen.“ [66]

Noch konnte die Machtübernahme der Nazis in Homberg zurückgewiesen werden, wenn auch auf arrogante Weise. Jedoch war nicht zu übersehen, dass die NSDAP auch vor Ort zum politischen Machtfaktor herangewachsen war.

Die Propagandastrategie von Goebbels war voll aufgegangen. Der Kurs der verdeckten antisemitischen Haltung der Nazis wurde fortgesetzt. „Die Reichswahlkampfleitung war sich darüber klar, dass offene „antisemitische Propaganda keine neuen Wähler anziehen würde, weil die sozialen Schichten, die für antisemitische Schlagworte empfänglich waren, bereits überwiegend zur NSDAP-Wählerschaft gehörten. Daher spielte die Partei in den Wahlkämpfen bis zum November 1932 den Kampf gegen das Judentum eher herunter, sodass die Deutschnationalen zeitweise in stärkerem Umfang antisemitische Slogans benutzten als die NSDAP selbst.“ [67]

Diese Verschleierungspolitik der nationalsozialistischen Propaganda zeigte Wirkung:

In Homberg, aber wohl auch in anderen Teilen des Deutschen Reiches, sahen viele jüdischen Mitbürger trotz der massiven Wählerzugewinne der Nazis für sich noch keine existenzielle Bedrohung. Die Homberger Juden blieben zwischen 1929 und 1932 weiter in ihrer Stadt wohnen.

Auch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1932) in Deutschland, mit Massenarbeitslosigkeit und der Schließung zahlreicher Unternehmen, waren wohl ausschlaggebend, dass ein Verbleib am Standort Homberg alternativlos erschien.

Die Zahl der jüdischen Mitbürger blieb konstant bei knapp über 60 (s. Grafik).

Reichstagswahlen 1932 - Hitlers Weg zur Machtergreifung

„Am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei im Reichstag, jedoch ohne die absolute Mehrheit zu erreichen:

Reichstagswahl: Homberger Ergebnisse

Tabelle

Alle übrigen Parteien erlangten jeweils weniger als 10 Prozent der Stimmen.

Während des Wahlkampfes war die für kurze Zeit bestehende „Einheitsfront“ zwischen SPD und KPD zerbrochen. Für die Kommunisten war der Sozialismus, der von den Sozialdemokraten programmatisch vertreten wurde, lediglich „Sozialfaschismus“. [68] Die gebildete Regierung verfügte über keine stabile Mehrheit.

Am 6. November 1932 fand deshalb bereits die nächste Reichstagswahl statt.

„Die Wahlen endeten mit erheblichen Stimmenverlusten der NSDAP, dennoch blieb sie stärkste Partei im Reichstag. Adolf Hitler meldete seine Kanzlerschaft an („Antrag auf Führung eines Präsidialkabinetts“) [69]

Reichstagswahl: Homberger Ergebnisse

Tabelle

Alle übrigen Parteien erlangten weniger als 10 Prozent der Stimmen. Jedoch zeigte sich erneut: Die im Reichstag vertretenen Parteien waren nicht bereit, miteinander zu koalieren. Der Reichspräsidenten konnte zwar ein Kabinett einsetzen (§ 53 der Weimarer Reichsverfassung), dieses konnte aber vom Reichstag zu jeder Zeit durch ein Misstrauensvotum abgesetzt werden. Die Arbeit im Reichstag war damit faktisch lahmgelegt.

Dennoch fällte Reichspräsidenten Hindenburg die Entscheidung, den pateilosen Adeligen Franz von Papen (erneut) zum Kanzler zu bestellen. Papens Minister waren ebenfalls überwiegend parteilos, adelig und Akademiker („Kabinett der Barone“). Von Papen forderte öffentlich, den handlungsunfähigen Reichstag auf unbestimmte Zeit aufzulösen, bis mit dem Abklingen der Weltwirtschaftskriese auch der politische Radikalismus abgeklungen sei. Bis dahin müsse man mit Unterstützung der Reichswehr gegen die Verfassung regieren. Dieser Auffassung wurde widersprochen, von Papen trat zurück und Reichspräsident Hindenburg ernannte am 3. Dezember 1932 erneut einen Adeligen zum Kanzler: Kurt von Schleicher Auch Kanzler von Schleicher war parteilos.

Sein Plan, die Handlungsunfähigkeit des Parlaments zu überwinden, war darauf ausgerichtet, die Einbindung aller sozial orientierter Kräfte („Querfront“) von den Freien Gewerkschaften über die Arbeitnehmerflügel des Zentrums bis zum linken Flügel der NSDAP zu erreichen. Als sein Plan scheiterte, plädierte er ebenfalls für einen Staatsstreich: Der Reichstag sollte aufgelöst werden, ohne einen Termin für Neuwahlen festzulegen. Als Hindenburg dies ablehnte, trat Schleicher am 28. Januar 1933 zurück. [70]

Reichstagswahl 1933 – Hitlers Weg vom Kanzler zum Diktator

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg den Führer der NSDAP Adolf Hitler zum Kanzler. Mit 41,4 Prozent hatte die Koalitionsregierung im Parlament aus NSDAP 33,09 und DNVP (Deutschnationale Volkspartei) 8,66 Prozent keine Mehrheit.

Da die Weimarer Verfassung weiterhin in Kraft war, bestand verfassungsrechtlich die Möglichkeit, die in der Verfassung garantierten Grundrechte per Verordnung außer Kraft zu setzen. Als es am 28. Febr. 1933 (s. Chronologie) zur Brandstiftung am Reichstagsgebäude („kommunistisches Komplott“) kam, wurde am Tag darauf die Verordnung zum Schutze von Staat und Volk („Reichstagsbrandverordnung“) erlassen, wodurch Grundrechte von Bürgern keine Gültigkeit mehr hatten. [71]

Reichstagswahl am 5. März 1933

Die Reichstagswahl am 5. März 1933 war die letzte Wahl, an der mehr als eine Partei teilnahm, und sie stand bereits unter dem Eindruck der Diktatur des Nationalsozialismus. Der Wahlkampf wurde seitens der Nazis mit höchster Brutalität und Terror gegen ihre politischen Gegner geführt, der sich besonders gegen die KPD und SPD richtete. Dabei kamen die Nazi-Organisationen SA, SS und Stahlhelm in Einsatz, die von Hermann Göring (kommissarischer Innenminister) zu Hilfspolizisten erklärt worden waren.

Trotz Tausender von Festnahmen (Schutzhaft) von Mitgliedern der KPD und SPD stellten sich beide Parteien dem Wählervotum.

Die NSDAP legte zwar um 10,8 Prozent der Wählerstimmen zu, konnte aber nur mit dem Koalitionspartner DNVP, die wegen eines Wahlbündnisses unter dem Namen Kampffront Schwarz-Weiß-Rot angetreten waren, eine parlamentarische Mehrheit erreichen.

Reichstagswahl 5. März 1933

Tabelle??? [72]

Bereits vor der konstituierenden Sitzung des neuen Parlaments wurden die 81 Mandate der KPD annulliert, d.h. für ungültig erklärt.

Für die Verabschiedung des Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich, bekannter als „Ermächtigungsgesetz“, wodurch die gesetzgebende Gewalt des Parlaments auf die Regierung übertragen werden sollte, musste die Verfassung geändert werden. Dazu war eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. Am 23. März 1933 (s. Chronologie) stimmten die Parlamentarier dem Gesetz zu. Lediglich die SPD sprach sich vehement gegen das Gesetz aus und stimmte dagegen. Durch den Ausschluss der 81 KPD-Abgeordneten war die Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament gesichert.

„Dieses Gesetz diente nicht dazu, die Republik handlungsfähiger zu machen, sondern - im Gegenteil - sie abzuschaffen. Zusammen mit der Reichstagsbrandverordnung gilt es als rechtliche Hauptgrundlage der nationalistischen Diktatur.“ [73]

Schon im Juli 1933 (s. Chronologie) beschloss die Regierung das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien. Damit war die Parteidiktatur der NSDAP verfassungsrechtlich abgesichert (Faschismus).

Hitler war legitimierter Diktator.

Der Historiker Dietmar Süß nennt in einem Interview des n-tv vom 29. Januar 2013 auf die Frage,weshalb der Nationalsozialismus an die Macht gekommen sei, drei Gründe:

„Ein wichtiger Grund war, dass die Weimarer Republik ihre demokratische Basis verloren hatte. Es gab in dieser Demokratie nicht genug Demokraten.

Ein zweiter Grund war, dass ein erheblicher Teil der Deutschen den Nationalsozialismus wollte. Seit 1932 war die NSDAP die stärkste Fraktion im Reichstag und noch über die Wählerschaft hinaus gab es viele, die für Hitler große Sympathien hegten.

Damit verbunden ist drittens eine Art Erlösungshoffnung, die mit der Figur Hitler verbunden war.“

„Typisch für die Geschichte des Nationalsozialismus nach 1933 ist ein fortwährender Radikalisierungsprozess der Gewalt.“ [74]

Zur Geschichte der Juden in Homberg ab 1933

Machtübernahme der NSDAP in Homberg

Homberger Vorfälle

Gleich nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler kam es in Homberg am 1. Februar 1933 (s. Chronologie) zu Schießereien mit Toten, die Aufmerksamkeit bis nach Berlin provozierten. „Blutige Zusammenstöße in Homberg - Göring greift wegen der blutigen Vorfälle in Homberg-Niederrhrein ein“ titelte der „Grafschafter“ am 2. 2. 1933.

Die unter dem Begriff „Homberger Vorfälle“ veröffentlichten Ereignisse „gingen später in die Gerichtsakten ein“. [75] (s. Chronologie 1950)

In den Unterlagen der „Homberger Prozessakte“ von 1950 stellt die Staatsanwaltschaft vom Schwurgericht Kleve den Tathergang folgendermaßen dar: [76] „Am 30. 1. 1933 und an den folgenden Tagen herrschte in Homberg eine ausgesprochene Kampfstimmung zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Kommunisten wohnten fast ausnahmslos in dem Arbeitervorort Hochheide. Am Abend des 30. 1. 1933 machten die Anhänger der NSDAP einen Fackelzug. Dabei zogen sie auch durch die Kolonie in Hochheide. Die polizeiliche Begleitung, die sich offenbar der durch diese Provokation entstehenden Gefahr nicht aussetzen wollte, blieb vor der Kolonie zurück. In der Kolonie wurde der Fackelzug beschossen. Am folgenden Tage herrschte bei den Nationalsozialisten eine erhebliche Nervosität. Diese steigerte sich, als bekannt wurde, daß kommunistische Erwerbslose die Absicht hatten, am 1. 2. Vormittags geschlossen zum Homberger Rathaus zu ziehen, um ihre Wohlfahrtsunterstützung abzuholen.“ [77]

"An diesem Mittwoch hielten sich in der Hauptstraße (Anm.: Moerser Straße in Hochheide) Richtung Homberg weder morgens um 10 noch später Kommunisten oder der erwartete Zug der Erwerbslosen auf. Aber SA und SS – zum Teil aus Rheinhausen – hatten die Straßen besetzt." In offensichtlicher Verkennung der Kräfteverhältnisse versuchte nun eine neun Mann starke Gruppe der kommunalen Polizei gemeinsam mit 16 Landjägern unter Landjägermeister Pließ die Straße zu räumen.[78]

„Die Menge setzte sich in Bewegung. Die Hauptmasse wurde durch die Augustastraße von den Landjägern vorwärtsgetrieben. Der Rückzug vollzog sich ohne nennenswerte Zwischenfälle bis kurz vor dem Heim (Anm.: SA-Heim Wilhelmstr. 4) in der Wilhelmstraße. Hier entstand ein Stau. … Einige Nationalsozialisten nahmen eine drohende Haltung an. Plötzlich vielen Schüsse. Es wurde von beiden Seiten geschossen. Vier Nationalsozialisten und etwa ebenso viele Landjäger wurden verletzt. Der SS – Mann Paffrath und der Sa-Mann Markus / Marcus sind an den Verletzungen verstorben. Nunmehr zogen sich die Nationalsozialisten in das Heim zurück; die Landjäger flüchteten teils zum Rathaus, teils durch die Augustastraße in die Schillerstraße hinein. Nachdem die die Flucht der Landjäger im Heim bekannt geworden war, stürmten die SA- und SS-Leute wieder auf die Straße und nahmen die Verfolgung auf.“ [79]

Der Landjägermeister August Pliehs (Anm.: Schreibweise auf seinem Grabstein) floh in die Schillerstraße und versuchte sich im Garten des Hauses 23 zu verstecken.

Landjäger Pließ wurde brutal ermordet. „Der Obduktionsbericht ergab, dass Pließ zwei Rückenschüsse, einen Armschuss und vier Kopfschüsse erhalten hat. [80]

Wer die tödlichen Schüsse auf Markus und Paffrath abgegeben hatten, konnte den Nationalsozialisten gleichgültig sein. Sie wurden zu Märtyrern der Bewegung gemacht, und bald darauf wurde die Wilhelmstraße nach ihnen in Markus - Paffrath - Straße umbenannt.

Gewalt gegen KPD und SPD

„Indem Hitler am 30. 1. 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war die Macht noch nicht „ergriffen.“ [81]

Die Machtdemonstration der NSDAP, kämpferisch unterstützt durch die Schlägertrupps von SA und SS (Sturmabteilung und Schutzstaffel der NSDAP), führte der Bevölkerung drastisch vor Augen, dass eine neue Zeit angebrochen war. „Die Anpassung an den „Zeitgeist“ gelang vielen scheinbar mühelos. [82]

„Die Nationalsozialisten konnten sicher sein, dass ihnen vom Verwaltungs- und Polizeiapparat keine Gefahr drohte.“ [83]

Der Reichstagsbrand am 27. 2. 1933, der den Kommunisten angelastet worden war, in Verbindung mit dem Erlass der Reichsbrandverordnung (s.o.) am Tag darauf, führte dazu, dass die Nazis nun offen gegen kommunistische „Terroristen und Waffenbesitzer“ vorgehen konnten.

Am 1.3. 1933 wurde in den Gemeinden des Kreises Moers 65 politischen Führer der KPD, davon 6 (später 2 weitere) aus Homberg verhaftet. Grundsätzlich war es üblich, bei Mitgliedern der KPD Hausdurchsuchungen zu veranlassen. [84]

Eine solche Hausdurchsuchung fand auch am 03. März 1933 (s. Chronik: Ermordung von Anton Burkelz) im Haus 134 in der Hahlenerstraße statt, in dem ein Mitglied der KPD wohnte. In dem Artikel im Grafschafter vom 6. März, basierend auf dem Bericht der Landeskriminalpolizei Düsseldorf, geht hervor, das „eine Anzahl von NSDAP-Leuten die Wohnung und den angrenzenden Stall nach Waffen durchsuchten. Nach Angaben der NSDAP-Leute soll ein Schuss in den Stallraum abgegeben worden sein. Darauf wurde das Feuer von den NSDAP-Leuten angeblich erwidert. Danach hatte sich der Wohnungsinhaber mit dem später auf dem Heuboden vorgefundenen Anton Burkelz nach dort geflüchtet. Durch die Ehefrau wurde die Polizei benachrichtig, die die Leiche dort auf dem Heuboden vorfand.“ [85] Im Bericht der Kriminalpolizei spricht der Wohnungsbesitzer die Vermutung aus, dass Anton Burkelz seine Waffe gegen sich selbst gerichtet habe, weil er schon früher mehrmals die Andeutung gemacht habe, selbst Hand an sich zu legen, falls er sich in Not befände. Parallel zur Verfolgung der Kommunisten und wurden auch Mitglieder der SPD verfolgt und in Schutzhaft genommen, was oft Gefängnisstrafen oder gar den Tod zur Folge hatte. Allein in der Zeit zwischen dem 15. 6.und 30. 6. 1933 wurden 19 Homberger Sozialdemokraten in Schutzhaft genommen. In der Schutzhaft wurden die Betroffenen durch Repressalien bis zur Folter zu Denunzierungen gegenüber anderen gezwungen.

Machtübernahme im Homberger Rathaus

Einstellung und Entlassungen
Die Stadtverordnetenversammlung (Rat) bestand am 1. 4. 1932 aus 32 Mitgliedern. Am 04. Febr. 1933 [86] wurden durch eine Verordnung der Preußischen Staatsregierung die Auflösung aller Vertretungskörperschaften (gewählte Bürger in Gemeinden, Städten, Kreisen, Ländern usw.) angeordnet.

Die kommunalen Neu-Wahlen fanden am 12. März 1933 statt. Homberger Ergebnis:

Die Vertreter der KPD durften durch den Runderlass des Ministers des Inneren vom 20. 3. 1933 an den Sitzungen der Vertretungskörperschaften nicht mehr teilnehmen, da sie unter dem Verdacht des Hochverrats standen. Da die Zahl der Sitze somit um 3 Mandate reduziert 29 Sitze betrug, hatte die NSDAP mit 16 Sitzen alleine die einfache Mehrheit erreicht. [87] Die erste (konstituierende) Sitzung wurde für den 30. 3. 1933 einberufen. Aus der Niederschrift der Stadtverordneten-Sitzung vom 18. 4. 1933 geht hervor, dass „drei Ratsherren der SPD der Sitzung ferngeblieben sind, weil sie in Schutzhaft gewesen waren“. [88]

Einstellung und Entlassungen
Weiter wurde mitgeteilt, dass die Herren Berger und Kleinhorst von der SPD und Herr Spieker vom Zentrum auf ihre Stadtverordnetenmandate verzichten.

Die NSDAP-Fraktion teilte im selben Protokoll mit, dass sie „für die anliegenden Ausschuß- und Kommissionswahlen mit der Nationalen Liste „Schwarz-Weiß-Rot“ eine Wahlgemeinschaft bilde“. Im Protokoll der Stadtverordneten-Sitzung vom 29. Mai 1933 wurde festgestellt, dass alle Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion ihr Stadtverordneten-Mandat niedergelegt haben“. [89]

Nach dem Verbot der KPD war nun auch die Fraktion der SPD aus dem Stadtrat ausgeschieden. Die SPD kam damit ihrem offiziellen Verbot nur zuvor.

„Aufgrund des Aufrufs der SPD-Leitung zum Sturz des nationalsozialistischen Regimes verbot Reichsminister Wilhelm Frick die SPD am 22. Juni 1933 als „volks- und staatsfeindliche Organisation“, in den darauf folgenden Tagen lösten sich alle anderen Parteien mit Ausnahme der NSDAP selbst auf.“ [90]

Durch diese Verordnung war wohl die SPD als Partei verboten worden, aber es saßen noch gewählte SPD Mandatsträger in allen politischen Gremien. Um diese zu entfernen, hob die „Verordnung zur Sicherung der Staatsführung“ vom 7. Juli 1933 sämtliche SPD Abgeordnetenmandate im Reichstag, in den Landtagen und Gemeindeparlamenten auf. [91]

Schließlich folgte am 14. Juli 1933 das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“. Das Gesetz verbot im Reich alle politischen Parteien außer der NSDAP.

Einparteiensystem - Führerprinzip

Nachdem die Nationalsozialisten die demokratische Struktur des Mehrparteiensystems in der Weimarer Republik radikal in ein faschistisches System mit einer Partei umgewandelt hatten, führte man mit dem Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dez. 1933 - in Bezug auf die Kommunale Selbstverwaltung der Gemeinden - das Führerprinzip ein.

Nach dem neuen Gesetz traten an Stelle der Stadtverordneten, an deren Beschlüsse der Leiter der Gemeinde durchweg gebunden war, nunmehr die Gemeinderäte (Ratsherren), die dem Gemeindeleiter lediglich beratend zur Seite stehen. Die Verantwortung für die Führung der Geschäfte der Gemeinde obliegt (nun) dem Leiter der Gemeinde (Bürgermeister). Die Gemeinderäte gelten als Ehrenbeamte und werden auf Vorschlag des Gauleiters (Anm.: Homberg gehörte zum Gau Düsseldorf) berufen. Durch Erlass vom 30. 1. 1935 ist letztendlich die Zahl der Gemeinderäte auf 14 Personen festgesetzt worden. Für ihre Berufung ist nun der Beauftragte der NSDAP zuständig. Für Homberg ist dies der Moerser Kreisleiter der NSDAP Dr. Bubenzer. Durch ihn sind folgende Bürger zu Ratsherren der Stadt berufen worden:

  • Bottenbruch, Wilhelm, Bäckermeister, Schulstr. 6
  • Vandeweerd, Heinrich, Maurer, Duisburger Str. 95
  • Möhlendick, Hermann, Geschäftsführer,
  • Maaßen, Peter, Kaufmann, Stielfabrik, Hochfeldstr. 5
  • Berns, Max, Bäckermeister, Duisburger Str. 36
  • Hölscher, Ludwig, Materialverwalter/Buchdruckereifakt., Gabelsbergerstr. 20
  • Bellingkrodt, Eduard, Klempnermeister, Poststr. 14
  • Heinen, Hermann, Wohnungsverwalter, Asberger Str. 76
  • Dehler, Otto, Kaufmann, u. a. Verkauf von Kleidung der NSDAP, Moerser Str. 204
  • Engelhardt, Julius, Bergmann, Schlägelstr. 16
  • Güldner, Alfred, Fabrikdirektor, Kapellstr. 15
  • Kost, Heinrich, Generaldirektor, Moerser Str. 151
  • Heidtmann, Hugo, Diplomkaufmann, Moerser Str. 121
  • Wiecke, Karl, Geschäftsführer, Gartenstr. 14
  • (Vorgänger von Wiecke: Eschholdt, Ludwig,
  • SS.-Sturmbandführer/Polizeikommissar, Schützenstr. 52 (Anm.: heute Saarstr.)“ [92] und [93]

Nationalsozialistischer Kampf gegen das Judentum 1933 bis 1937

Erste Maßnahmen gegen jüdische Mitbürger

Die als Ratsherren „Berufenen“ waren Mitglieder der NSDAP. Ihre beruflichen Tätigkeiten wiesen sie fast ausnahmslos als Zugehörige zur gehobenen und höheren Einkommensschicht in Homberg aus. Durch die Vereinnahmung aller Schlüsselpositionen in der Stadt wie Bürgermeisteramt mit Verwaltung und Rat sowie die kommunale Polizeibehörde setzte die NSDAP ihren Machtanspruch weiter um, indem sie innerhalb der Homberger Stadtverwaltung den Bestand der Beamten bereinigte.

Die rechtliche Grundlage für einen solche „Bereinigung“ war das harmlos lautende „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. Apr. 1933. Der Inhalt des Gesetzes hatte eine klare poltische Zielsetzung. Es hieß dort: „Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen.“ Jüdische Beamte gab es aber in Homberg nicht. Den „Geist des Gesetzes“ interpretierten die Homberger Nazis allerdings in der Weise, dass „vor allem die politisch mißliebigen Beamten (übrigens ebenso die Angestellten) durch die richtigen Gefolgsleute ersetzt werden“. [94]

Durch diese Politik der Neubesetzung von Stellen in allen Verwaltungsbereichen hatte darüber hinaus so mancher verdiente „alte Kämpfer“ einen sicheren städtischen Arbeitsplatz mit Pensionsanspruch erhalten, unabhängig davon , ob sein berufliches Qualifikationsprofil den Anforderungen entsprach oder nicht. [95]

Bei der Polizeibehörde in Homberg wird die Anpassung an die neue politische Situation ähnlich gewesen sein wie in Moers. Von dort wurde berichtet: „Große Sorgen um die Polizei mußte man sich in der Kreisleitung ohnehin nicht machen: nach dem 30. 1. 1933 traten weitere 15 von den 24 Moerser Polizisten der Partei bei.“ [96]

Die Listen der Beamten-Zugänge und -Abgänge im HVB 1932 bis 1938 geben Aufschluss zu dieser Thematik: [97]

Bild

Die Beamten und Angestellten der Verwaltung wurden nach der Gemeindeordnung auf die Nazi-Ideologie verpflichtet. Was die Juden in Homberg bald zu spüren bekamen. „Eine relativ frühe Maßnahme, die alle deutschen Verwaltungen einführten, war der Abbruch der Geschäftsbeziehungen zwischen Behörden und jüdischen Geschäftspartnern. Ebenso legte man den kommunalen Bediensteten nahe, ihren privaten Bedarf nicht in jüdischen Geschäften zu decken (sog. „stiller Boykott“).“ [98]

„Ein vorläufiger Höhepunkt war der Boykott jüdischer Geschäfte Ende März 1933. Bereits am 28. März – und nicht wie offiziell beabsichtigt am 1. April - wurden „als Abwehrmaßnahmen der NSDAP gegen ausländische jüdische Hetze“ alle jüdischen Geschäfte in Moers, Homberg und Rheinhausen geschlossen.“ [99]

Der Aufruf im gesamten Reich: „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ war der Beginn der wirtschaftlichen Diskriminierung der jüdischen Geschäftsleute.

Damit diese Maßnahme auch konsequent durchgesetzt wurde, waren die Hilfspolizisten der NSDAP vor Ort, bestehend aus Mitgliedern der SA und SS, zu Kontrollen aufgerufen worden. [100]

Nicht alle Homberger hielten sich offensichtlich an diese Weisung, denn in der Propaganda-Zeitung der NSDAP „Der Stürmer“ wurde ein Foto einer Homberger Bürgerin veröffentlicht, das sie beim Betreten eines jüdischen Geschäftes zeigt. (Muss noch gefunden werden!!!) Dieser unter den Augen der Öffentlichkeit vollzogene Affront vom 28. März gegen jüdische Geschäfte war seitens der NSDAP als „Testlauf“ betrachtet worden, um herauszufinden, „inwieweit die Bevölkerung bereit war, den Kurs der Propaganda und Einschüchterung mitzugehen“. [101]

n die gleiche Richtung zielte der mit Mehrheit gefasste Beschluss der Homberger Stadtverordnetenversammlung vom 18. April 1933, dass Fürsorgeempfänger Einkaufgutscheine erhalten, die den Stempelvermerk tragen: „Nicht gültig für jüdische Geschäfte“. [102]

Juden als Nachbarn in Homberg

Wenn aus wahltaktischen Erwägungen vor 1933 der Antisemitismus nur in sehr abgeschwächter Form propagiert wurde und der Antibolschewismus das beherrschende Thema der nationalsozialistischen Propaganda war, so wurde nach der Machteroberung verstärkt die Anti-Judenpolitik ins Visier genommen. Es kam zu einer zunehmend Zahl von Übergriffen. [103]

„Es wird allerdings bei Hans Mommsen davor gewarnt, das Ansteigen antijüdischer Übergriffe über zu bewerten. „Die Masse der Mitglieder oder Anhänger der Partei war weiterhin durch eine relative Indifferenz (Anm.: Gleichgültigkeit) in der „Judenfrage“ geprägt. Viele Anhänger der NSDAP lehnten sogenannte „wilde“ Aktionen gegen jüdische Bürger ab und wandten sich gegen die vulgäre Boykott-Propaganda. Das schloss nicht aus, dass sich generell antisemitische Klischees zunehmend verfestigten, jedoch wurden sie in der Regel nicht auf die jüdischen Nachbarn übertragen. Es kam jedoch nur selten zu Protesten gegen antijüdische Übergriffe der Partei, und offene Solidarisierung mit den Verfolgten blieben aus.“ [104]

Für Homberg wurden von Zeitzeugen die Verhältnisse zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Nachbarn ähnlich beschrieben: So wurde von der Jüdin Marianne Seelig (Moerser Straße) als „Freundin“, vom Juden Edward Singer (Hindenburgallee) vom „Skatbruder“ und schließlich vom Juden Paul Salomon (Augustastraße) vom „Onkel Paul“ gesprochen. Die Haushaltshilfe Genoveva Oberreiter, die bei dem Juden Isaak Strauß, Moerser Str. 323, tätig war, „hatte bei den Juden sehr gerne gearbeitet“. [105]

„Trotz aller einschränkenden Maßnahmen der Isolierung und des Propagandaterrors hoffte im Jahr 1934 ein großer Teil des deutschen Judentums, daß es nach den ersten Stürmen und ihren gesetzlichen Folgeerscheinungen wieder zu einer gewissen Beruhigung kommen würde. Aber das Gegenteil trat ein.“ [106]

Flucht in Großstädte oder ins Ausland

„Der Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte war nur der Auftakt zu immer neuen antijüdischen Maßnahmen und Verordnungen, mit denen die Nazis in den folgenden Jahren die Juden diskriminierten, ausgrenzten und wirtschaftlich schädigten. Die Aktion richtete sich nicht nur gegen jüdische Geschäfte, sondern auch gegen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte und gegen den Besuch von Schulen und Universitäten durch Juden. Das politische Ziel war eindeutig darauf ausgerichtet, die Juden zu „zwingen“, Deutschland zu verlassen.“ [107] Auf Grund der diskriminierenden Maßnahmen im Jahr der Machtergreifung 1933 setzte bereits die erste Welle der Emigration ein. Sie lebte noch von der Illusion, dass das nahe Ende des Nationalsozialismus eine baldige Rückkehr ermöglichen würde. Zu den Zielen der Auswanderer gehörten zu diesem Zeitpunkt eher die europäischen Nachbarländer. Ein erheblicher Teil der Homberger Juden hatte den Boykott jüdischer Geschäfte als Warnschuss verstanden. Ihre schlimmsten Befürchtungen, durch die antisemitische Nazi-Ideologie in existenzielle Not zu geraten, wurden immer offensichtlicher. Sie wollten Homberg so schnell wie möglich verlassen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringe. Im Verlauf des Jahres 1933 setzten sich 17 jüdische Mitbürger aus Homberg ab.

(Grafik)

Im Prinzip aber lief die Absetzbewegung schon ab diesem Zeitpunkt mehr und mehr auf eine Flucht hinaus. Diejenigen, die keine Geschäfte oder sonstige Immobilien besaßen, konnten ihre Entscheidung, Homberg zu verlassen, kurzfristig umsetzen. Die Fluch-Entschlossenen meldeten sich ab oder emigrierten freiwillig. Sie wurden ausgewiesen, wenn sie aus dem Ausland zugezogen waren. So meldeten sich die Homberger Juden ab 1933 aus dem Stadtgebiet ab, um sich in den Schutz der Anonymität großer Städte zu begeben oder sie emigrierten ins Ausland. Ihre Schicksale sind im Regelfall unbekannt. Die Aufarbeitung dieser bisher anonym gebliebenen Schicksale Homberger Juden muss weiteren Forschungen vorbehalten bleiben. Jedoch geben die Duisburger Forschungen in einzelnen Fällen bereits aufschlussreiche Hinweise.

Flucht in die Niederlande

Das niederländische Ehepaar Bleekroode war 1908 mit drei Söhnen von Groningen (Niederlande) nach Homberg gezogen. Gleich nach der Ankunft kam der vierte Sohn zur Welt. Vater Samuel und zwei seiner Söhne fanden als Bergleute bei der Firma Rheinpreußen Arbeit. Als dem verheirateten Sohn Simon auf Rheinpreußen im Juli 1933 gekündigt wurde, meldeten sich seine Eltern Samuel Bleekroode und Martha, geb. Israel, 1933 nach Amsterdam ab. Seine vier Söhne samt einer Schwiegertochter (Nichtjüdin) wurden noch im selben Jahr in die Niederlande ausgewiesen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Niederlande noch ein sicheres Zufluchtsland für Juden. Das änderte sich jedoch schlagartig mit der Besetzung der Niederlande im 2. Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht.

Die Nationaal-Sozialistische Beweging in Nederland (NSB) war in der Zeit von 1931 bis 1945 eine zunächst faschistische, später nationalsozialistische Partei in den Niederlanden. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10.Mai 1940 kollaborierte die NSB mit den Nazis. Da sie eine „gewisse Unabhängigkeit“ der Niederlande gegenüber der Besatzungsmacht forderte, erhielt sie einen Zulauf auf 100.000 Mitglieder. Am 11. September 1940 wurde die Niederländische SS als Abteilung der NSB gegründet. Diese Abteilung geriet immer stärker unter den Einfluss des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin und war an der Vernichtung der niederländischen Juden und Bewachung der niederländischen Konzentrationslager beteiligt. [108]

ber das Schicksal der Familie Bleekroode in den Niederlanden ab 1940 wird von den Duisburger Forschungen lediglich berichtet, dass der verheiratete Sohn Simon Bleekroode 1942 im Arbeitslager Vledder zur Zwangsarbeit unter haftähnlichen Bedingungen einsaß, jedoch nicht einem Vernichtungslager zugeführt worden war, denn er lebte 1965 in Amsterdam. Was mit den übrigen Mitgliedern der jüdischen Familie passierte, ist unbekannt. Denkbar wären jedoch folgende typischen Szenarien:

Alle übrigen Mitglieder der Familie tauchten in die Illegalität ab und haben überlebt. Durch Denunzierung – wie Anne Frank in Amsterdam - wurden einzelne Familienmitglieder an die Nazi-Schergen verraten und deportiert. Einige konnten sich vielleicht in ein sicheres Zufluchtsland absetzen. Nichts davon ist belegt.

Auch die Familie von Leopold Seelig hatte frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt:

Die Familie führte ein Schuhgeschäft seit 1910 auf der Moerser Straße 228.

Tochter Helene, geb. 1916 in Homberg, meldete sich am 7. 7. 1933 nach Oldenzaal/Niederlande ab. Ihr Schicksal ist unbekannt.

Tochter Irma, geb. 9. 5. 1916 in Homberg, zog am 7. 6. 1934 nach Appeldorn / NL. Ihr Schicksal ist ebenfalls unbekannt.

Tochter Margarete, geb. 1909 in Homberg, war als Verkäuferin tätig. Sie wanderte am 26. 7. 1935 in die Niederlande aus. Sie war in Amsterdam an einem Krankenhaus beschäftigt, das 1944 von der deutschen Polizei beschlagnahmt wurde. Am 19. 6. 1944 wurde sie zunächst in das Lager Westerbork / NL (Durchgangslager auch für Anne Frank) verbracht und dann in das Lager Theresienstadt / Tschechien (KZ, Durchgangslager, Altersghetto) überführt. Am 8. 5. 1945 wurde das Lager befreit. Sie kehrte nach Holland zurück, um anschließend in die USA auszuwandern. Sie lebte 1959 als Frau Mutsemaker in Los Angeles.

Im Jahr 1959 lebte in Los Angeles auch ihr Bruder Erich, geb. 13. 5. 1912 in Homberg. Er war am 15. 1. 1938 nach Argentinien ausgewandert und von dort nach Kalifornien umgezogen.

Die Schicksale von Leopold Seelig, Ehefrau Jeanette, Sohn Rudolf und Tochter Marianne sind unbekannt. Sie lebten nach 1936 in verschiedenen Städten Deutschlands.

Isaak Strauß war 1905 von Dortmund nach Homberg zugezogen. Er war Inhaber des Kaufhauses I. Strauß auf der Moerser Straße 323. Nach der Reichspogromnacht am 9./10. 11. 1938 emigrierte er mit seiner Ehefrau Emilie in die Niederlande, wo er nach der Besatzung durch die deutschen Truppen illegal lebte. Beide überlebten den Krieg.

Sohn Alfred wanderte am 28. 7. 1936 in die Niederlande aus. Am 28. 1. 1942 wurde er verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork / NL überführt. Ihm gelang es, sich durch Flucht in die Illegalität zu retten. 1969 lebte er in Hilversum / NL.

Für Tochter Matilde, geb. 7. 2. 1907 in Homberg, wurde die Emigration in die Niederlande zur Todesfalle. Sie wanderte bereits 1932 aus. Sie lebte 1936 in Hilversum und 1942 in Amsterdam. Nach der Verhaftung blieb sie bis zum 13. 7. 1943 im Lager Westerbork / NL inhaftiert. Nach ihrer Deportation in das Lager Sabibor bei Auschwitz verstarb sie drei Tage später.

Als Untersuchungsergebnis auf der Grundlage der Duisburger Forschungen kann festgestellt werden, dass von den 16 Homberger Juden, die versucht hatten, ihr Leben in Freiheit und Würde durch Flucht in die Niederlande zu retten und zu gestalten, haben lediglich 6 Personen nachweislich überlebt, blieben die Schicksale von 9 Personen bis heute unbekannt und die Jüdin Mathilde Strauß kam in einem Vernichtungslager der Nazis ums Leben.

Nürnberger Gesetze

Wer unter den deutschen Juden darauf spekuliert hatte, dass es nach den ersten Jahren der Nazi-Diktatur wieder zu einer Beruhigung bezüglich der antisemitischen Gesetze und Verordnungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung kommen würden, sah sich spätestens im Jahr 1935 getäuscht.

Mit der Machtergreifung wurde der Rassenantisemitismus als wesentlicher Teil der nationalsozialistischen Weltanschauung zur Grundlage der Staatserneuerung gemacht. Er fand seinen ideologischen Niederschlag schon sehr bald in der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze.

Am 15. September 1935 verabschiedete der Deutsche Reichstag im Wege der Akklamation das „Reichsflaggengesetz“, das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Das Parlament war dafür kurzfristig nach Nürnberg einberufen worden.“

  • 1. Das Reichsflaggengesetz

erhob die Farben Schwarz-Weiß-Rot zu den Nationalfarben und die Hakenkreuzfahne wurde zur Nationalflagge.

  • 2. Das Reichsbürgergesetz

"sah die Schaffung einer besonderen Reichsbürgerschaft vor, die nur an rassisch hochwertige Mitglieder der Volksgemeinschaft verliehen werden sollte.“ [109] Demgegenüber behielten die (deutschen) Juden nach dem Gesetz den Status eines Staatsangehörigen ohne poltische Rechte.

Damit war das Recht auf staatsbürgerschaftliche Gleichstellung aller Deutschen, das den Juden seit dem 19. Jahrhundert durch die Preußische Verfassung garantiert worden war, null und nichtig geworden. Wer als Jude galt, wurde mit dem Gesetz definiert:

„Als „Jude“ galt, wer drei jüdische Großeltern hatte, der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte oder mit einem sogenannten „Volljuden“ verheiratet war. Im November desselben Jahres wurde in einer ergänzenden Verordnung festgelegt, wann genau jemand als „Volljude“, „Halbjude“ oder „Vierteljude“ zu bezeichnen war.“ [110]

  • 3. Das „Blutschutzgesetz

Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das so genannte Blutschutzgesetz regelte die Beziehung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Eheschließungen zwischen Juden und Reichsdeutschen wurde mit Gefängnis bestraft. Auch der außereheliche Geschlechtsverkehr wurde unter Strafe gestellt. Juden war es zudem untersagt, „arische“ Dienstmädchen unter 45 Jahren in jüdischen Haushalten zu beschäftigen. Die in Nürnberg beschlossenen Rassengesetze beschränkten sich in ihrer Formulierung auf Generalklauseln, weil parteiintern insbesondere noch über den Judenbegriff heftig gestritten wurde. „Goebbels wies deshalb auf dem Parteitag intern die Parteipresse an, bis zum Erlass der Durchführungsverordnungen eine Erörterung der Gesetze zu unterlassen.“ [111] Die öffentliche Propaganda gegen das Judentum wurde damit erheblich abgeschwächt, was zur Beruhigung des politischen Klimas gegenüber den Juden beitrug.

Olympische Spiele 1936

Hinter diesen internen Anweisungen Zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verbarg sich aber auch eine taktische Absicht. Die Nationalsozialisten hatten die Durchführung der olympischen Winter- und Sommerspiele für 1936 angenommen.

Schon bald nach der Machtergreifung Hitlers forderten viele nationale Sportverbände das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf, die Olympischen Spiele in ein anderes Land zu verlegen, weil die Judendiskriminierung im Nazi-Deutschland mit der olympischen Idee nicht vereinbar sei.

Hitler reagierte prompt. Um der ganzen Welt zeigen zu können, dass unter seiner Führung Deutschland ein friedliches, soziales und wirtschaftlich aufstrebendes Land sei, verpflichtete er sich, einen freien Zugang „für alle Rassen und Konfessionen“ in die Olympiamannschaft zu erlauben. Um auch „grundsätzlich“ den jüdischen Sportlern aus Deutschland die Teilnahme zu garantieren, riefen einige Nationen zum Boykott der Spiele auf, was vom Nationalen Olympischen Komitees der USA - unter Avery Brundage – allerdings abgelehnt wurde.

Um einen möglichen propagandistischen Schaden für Nazi-Deutschland abzuwenden, verpflichteten sich die Veranstalter gegenüber dem IOC, auch deutsche Juden „prinzipiell“ nicht von den Spielen auszuschließen. Am Ende gehörte aber nur eine „Halbjüdin“ der deutschen Olympiamannschaft an, die Fechterin Helene Mayer, die eine Silbermedaille gewann. (s. G: Chronologie, 1936 Olympische Spiele) [112]

1936/37: Weitere 11 Homberger Juden verlassen die Stadt

Die Olympischen Spiele wurden zu einem Riesenerfolg für Nazi-Deutschland. Die sportliche Überlegenheit der deutschen Jugend wurde durch den ersten Platz des Medaillenspiegels dokumentiert. Nicht nur der sportliche Erfolg war überwältigend, auch der Gigantismus der Olympiabauten und die Perfektion der Durchführung der Spiele übertraf alles Vorherige. Anerkennung durch das Ausland und Jubelstimmung unter den Deutschen waren kalkulierte Ziele des Systems. Deutschland war in sportlicher Hinsicht eine Großmacht.

Der Aufruf, „Olympia“ als nationale Aufgabe zu verstehen, beherrschte die positive Stimmungslage in Deutschland und überdeckte offensichtlich die bedrohlichen Anzeichen der Rassengesetze von Nürnberg.

„Immerhin kam es zu einem relativen Rückgang der jüdischen Emigration in den Jahren 1936 und 1937. Die diskriminierenden Klauseln des Blutschutzgesetzes wurden in der Öffentlichkeit unzureichend wahr- und ernst genommen. So hat auch sicherlich der Abbruch der Tätigkeit der Genoveva Oberreiter als nichtjüdische Haushaltshilfe bei der jüdischen Familie Isaak Strauß (s.o.) keine Aufmerksamkeit in Homberg erregt.

Insgesamt entstand in Deutschland der Eindruck, dass eine gewisse Konsolidierung im Verhältnis zu den jüdischen Bürgern erreicht worden sei. Selbst auf Seiten der Betroffenen regten sich gewisse Hoffnungen, dass dadurch, wenngleich auch entwürdigende, so doch hinnehmbare Bedingungen für die Fortführung jüdischen Lebens in Deutschland gesichert worden seien.“ [113]

Offensichtlich hat unter den Homberger Juden die Hoffnung auf ein erträgliches Leben im Nazi-Deutschland keinen nachhaltigen Niederschlag gefunden.

Die Homberger Statistik meldet den Wegzug von insgesamt 11 Personen (29 Prozent) für die Jahre 1936 und 1937 (s. Grafik). Da die jüdischen Bewohner von Homberg Ende 1935 bereits mit 38 Personen als relativ kleine Gruppe zu bezeichnen ist, kann die Abwanderungs-Entscheidung von nur vereinzelten Familien die Abweichung von einem reichsweit gemäßigten Trend verständlicherweise erheblich beeinflussen. Jedoch ist in diesem Zeitabschnitt auf eine Entwicklung hinzuweisen, die erheblichen Einfluss auf die Sensibilität der Juden nehmen konnte.

„Die Durchführungsverordnungen zu den Nürnberger Gesetzen ließen nicht lange auf sich warten und engten Schlag auf Schlag die materiellen Lebensbedingungen der in Deutschland verbleibenden Juden ein. Diese einschränkenden und diskriminierenden Vorschriften griffen in alle Lebensbereiche ein.“ [114]

1938 bis Ende 1941

Anfang vom Ende:

„Das Jahr 1938 nahm in der nationalsozialistischen Judenpolitik einen ganz besonderen Platz ein. Mit den Ereignissen dieses Jahres ging die Geschichte des deutschen Judentums im eigentlichen Sinne des Wortes ihrem Ende zu. Der Novemberpogrom war dabei zwar der Höhepunkt des Geschehens, blieb aber nur ein Teil der Gesamtereignisse, die man im Blick behalten muss. Die Ziele des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1938 waren:

1. Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben; 2. Rapide Verminderung des jüdischen Bevölkerungsanteils durch entsprechenden Auswanderungsdruck.“ [115]

Die Verdrängung oder Ausschaltung der Juden aus Handel, Gewerbe und Wissenschaft im Sinne der Nürnberger Gesetze nannten die Nationalsozialisten.

Arisierung oder Entjudung

Die Arisierungskampagne, die seit der Machtübernahme 1933 betrieben wurde, war aus Rücksicht auf die Olympischen Spiele 1936 geringfügig gebremst worden. Mit der Überwindung der Wirtschaftskrise und der Beseitigung der Arbeitslosigkeit, traten vor allem wirtschaftspolitische Bedenken gegen eine forcierte Arisierung zurück. [116]

„Im Juli 1938 befanden sich (im Reich, Anm. d. V.) zwischen 60 und 70 Prozent der Anfang 1933 bestehenden jüdischen Betriebe bereits nicht mehr in jüdischer Hand.“ [117]

Die „ordnungsgemäßen Verkäufe“ waren in der Regel inszeniert, denn sie fanden unter erheblich politischen und/oder behördlichen Zwängen statt. Die gezahlten Preise waren meist unangemessen niedrig, so dass von „Arisierungs-Gewinnen“ einzelner Personen gesprochen wurde. (Anm. d. Verf: Die deutschen Gerichte erklärten nach dem Krieg bei Wiedergutmachungsverfahren diese „Gewinne“ als Raub.) Ende Oktober 1938 kam es zu einer großen Ausweisungswelle von aus Polen stammenden Juden ohne deutsche Staatsangehörigkeit (Ostjuden). Etwa bis zu 17.000 polnische Juden wurden verhaftet, ihr Vermögen vom Staat konfisziert und an die polnische Grenze abgeschoben. Die polnischen Behörden lehnten ihre Aufnahme zunächst ab, und so irrten sie teilweise längere Zeit im deutsch-polnischen Niemandsland umher, bis schließlich die polnische Regierung die Grenzen unter deutschem Druck öffneten. [118]

Der nach Homberg 1923 aus Viersen zugezogene Jude Israel Karten und seine Ehefrau Helene, Moerser Str. 327, waren in Polen geboren worden. Am 30. Oktober 1938 wurden sie mit ihren Kindern Fanny und Max im Rahmen der Ausweisungswelle dorthin abgeschoben (119a), wo sie in einem Ghetto lebten. Die Umstände sind nicht näher bekannt, aber im Juli / August 1939 tauchte das Ehepaar mit ihrer Tochter wieder in Homberg auf und zogen in die ehemalige Wohnung. Allerdings mussten sie im Jahr 1940 in das zum „Judenhaus“ erklärte Wohnhaus der Familie Coppel in der Rheinstraße 27 umziehen. Ihr tragisches Schicksal wurde mit der Deportation am 11. 12. 1941 nach Riga / Lettland eingeleitet. Von Riga aus wurden sie über Stutthof zum Lager Buchenwald gebracht. Auf dem Weitertransport nach Theresienstadt verstarb Israel Karten. Er wurde am 27. 4. 1945 für tot erklärt. Mutter Helene und Tochter Fanny wurden im KZ Lauenburg / Pommern von den russischen Truppen befreit. Jedoch starb Fanny an Hungertyphus am 13. 3. 1945. Helene Karten überlebte. Am 22. 6. 1945 kehrte sie nach Homberg zurück, wo sie 1974 noch wohnte. Dem Sohn Max war ein trauriges Schicksal beschieden. Er wurde von der polnischen Polizei in einem Barackenlager festgehalten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde er nach Kalusz / Galizien verbracht, wo er umkam. Am 8. 5. 1945 wurde er für tot erklärt. Die Familie Israel Karten hatte aber noch ein drittes Kind, Sohn Hermann. Über sein Schicksal wird im Abschnitt „1938: Konferenz von Evian“ berichtet.

Pogrom vom 9./10. November 1938 („Reichskristallnacht“)

Unter den Abgeschobenen befanden sich auch die Angehörigen jenes jungen Herschel Grünspan (Grynspan), der am 7. November 1938 in Paris das Attentat auf den dortigen Gesandtschaftsrat Ernst von Rath verübte. Von Rath erlag seinen Verletzungen am 9. November. Für Grünspan war das Attentat Vergeltung für das Unrecht, das seinen Eltern angetan worden war. Für die Nationalsozialisten wiederum war die Verzweiflungstat des deutschen Juden Grünspan der willkommene Anlass, um endlich mit lang geplanten Gewaltaktionen willkürlich gegen Juden vorzugehen. Überall im Reich zündeten Sa-Männer und Parteigenossen jüdische Gotteshäuser an, demolierten jüdische Geschäfte und an vielen Orten selbst die Wohnungen der Juden. Der Vandalismus der organisierten NS-Schlägertrupps schreckte nicht vor Entwürdigung, Prügel und Totschlag (91 Fälle von Tötungen) zurück. [119]

Tatort Homberg

Zu den Folgen des Attentats stellte die Nationalzeitung, die auch in Homberg gelesen wurde, am 12. 11. 1938 fest:

„Nun trafen die Schüsse von Paris auch auf das schwerste die Kreis-Moerser Bevölkerung. Es kam daher auch in Moers und anderen Orten des Kreises zu Vergeltungsmaßnahmen gegen die Juden und Ihre Geschäfte. Weiter wurden auf Grund der Empörung der Bevölkerung die Juden zum größten Teil in Schutzhaft genommen und den Jüdinnen verboten, das Haus zu verlassen." [120]

Zu den Vorgängen in Homberg liegen nur wenige schriftliche Quellen vor. Es gibt nur drei Zeitzeugenaussagen, welche von den Übergriffen gegenüber Homberger Juden berichten.

Von der für Homberger Juden zuständigen Synagoge in Moers ist allerdings bekannt, dass „Täter am frühen Morgen des 10. 11. 1938 in die Synagoge an der Friedrichstraße eindrangen. Die Täter entweihten sie, indem sie die Fenster zertrümmerten, die Einrichtung zerschlugen, Kultgegenstände schändeten und verschleppten. Das Heiligste, die Thora-Rollen, ging im Feuer auf. Der Eingang zur Synagoge wurde dann mit Brettern vernagelt und über den Eingang mit Farbe geschmiert: „Dieser Talmud-Stall ist für immer geschlossen.“ [121]

Zu den Auswirkungen des Novemberpogroms in Homberg schrieb der Zeitzeuge Helmut Ackermann in seiner Familienchronik: [122]

„Ganz und gar nicht zum Lachen war der Schulweg am 10. November 1938. Ich ging wie immer durch die Rheinstraße, an deren Ende auf der linken Seite das Textilgeschäft Koppel (Anm. d. Verf.: Coppel) lag. Was ging da vor? Einige Männer hatten das Schaufenster zertrümmert, die Auslagen herausgezerrt und waren damit beschäftigt, das Mobiliar aus dem ersten Stock auf die Straße zu werfen. Schaulustige standen dabei, von der jüdischen Familie Koppel war nichts zu sehen. Ich mußte weitergehen. Schnell sprach sich herum, daß gleiches auch in dem Manufakturwarengeschäft des Kurt Gerson in der Moerser Straße 89 geschehen war. Aber das war auch schon alles. Keine weitere Reaktion, weder zu Hause noch in der Schule. Auch „Leo“, ein frommer Katholik, der bekenntnistreu am Aschermittwoch sogar mit dem Aschekreuz auf der Stirn in die Schule und in die Klasse zum Unterricht kam, was viele belächelten, sagte nichts. Natürlich waren wir Zehneinhalb-Jährigen auch keine Gesprächspartner, aber es war ja ganz allgemein die Zeit, “als alle wegsahen“. Von den Homberger Juden erfuhr man nichts mehr, und niemand kümmerte sich damals darum, wo sie vielleicht geblieben waren.“ Frau Kunigunde Görlich, Jg. 1927, wohnhaft in der Wilhelmstraße am Lutherpark, hatte als Schülerin auch von den zerschlagenen Schaufensterscheiben des Gerson-Ladens in der Moerser Straße gehört. Sie bat ihre Mutter, „dort hingehen zu dürfen, um ebenfalls Waren aus dem zerstörten Schaufenster zu nehmen“. Doch ihre Mutter verbot es ihr mit der Feststellung: „ Man stielt nicht das, was anderen Leuten gehört.“ Auch in Hochheide muss es zu Gewalt gegen jüdische Geschäfte gekommen sein, denn ein Zweitzeuge hatte zu Hause bei einem Gespräch seiner Eltern gehört, dass „ jüdische Geschäfte demoliert“ worden seien. [123]

So wird in den Duisburger Forschungen vom Juden Art(h)ur Dannenberg, Inhaber eines Schuhwarengeschäfts in der Moerser Straße 218 (Hochheide), berichtet, dass er sich 1939 mit seiner Ehefrau nach Remscheid abgemeldet habe. Sohn Walter, geb. 6. 9. 1917 in Homberg, lebte bereits 1938 in den USA.

Weitere Maßnahmen gegen Juden

„Die Vernichtung jüdischen Eigentums war eine Seite des Pogroms, eine zweite war die Verhaftung zahlreicher männlicher, vornehmlich vermögender Juden. Im Reich wurden insgesamt über 26.000 verhaftet und in die Lager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht. Auch diese Maßnahme sollte den Auswanderungsdruck verstärken.

Der dritte und wichtigste Teil der Maßnahmen des Novemberpogroms, die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, wurde auf dem Verordnungswege geregelt. [124]

Der Zynismus der Nazis war wohl nicht mehr zu überbieten, als sie bestimmten, die jüdischen Geschäftsinhaber und Hausbesitzer zur sofortigen Beseitigung der in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 entstandenen Schäden zu verpflichten, gleichzeitig aber die ihnen zustehenden Versicherungsleistungen zu beschlagnahmen. Darüber hinaus wurde den deutschen Juden eine Sühneabgabe von zunächst einer Milliarde Reichsmark auferlegt.

Außerdem wurde die Zwangsarisierung aller jüdischen Unternehmen, Geschäfte und Handwerksbetriebe angeordnet. Das bedeutete, dass das jüdische Eigentum zu einem Spottpreis verschleudert wurde. Der Erlös musste auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Im Krieg wurden diese Beträge dann vom Reich konfisziert.

Der private Hausbesitz war von der Zwangsarisierung ausgenommen. Diese Maßnahme sollte zuletzt erfolgen und war deshalb nur aufgeschoben worden. [125]

Darüber hinaus wurde dem deutschen Judentum noch eine Fülle von Einschränkungen auferlegt. Die wichtigsten davon waren:

  • Zwangsdeponierung von Wertpapieren und Aktien;
  • Zwangsverkauf von Juwelen, Schmuck- und Kunstgegenständen;
  • Verbot des Besuches kultureller Veranstaltungen;
  • Verbot für jüdische Schulkinder, nichtjüdische Schulen zu besuchen;
  • Entziehung des Führerscheins und Verbot der Haltung von Kraftfahrzeugen;
  • Einführung höherer Steuersätze;
  • Berufsverbot für Apotheker, Zahn- und Tierärzte.

Das öffentliche Leben des deutschen Judentums kam mit dem Novemberpogrom völlig zum Erliegen. Der Anfang vom Untergang hatte begonnen. [126]

1938: Konferenz von Evian

Das terroristische Klima, das durch den Novemberpogrom seinen Höhepunkt erreicht hatte, zeigte auch seine Folgen in Homberg. Durch die Arisierung der Berufe und der Handels- und Gewerbebetriebe war den verbliebenen Homberger Juden ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen worden. Mit dem Verlust der materiellen Lebensgrundlage ging eine endgültige Verarmung einher. Um die Not zu mildern konnten sie auf die jüdischen Fürsorgeeinrichtungen zugreifen. Die negativen gesellschaftspolitischen und privatwirtschaftlichen Umstände drängten sie jedoch notwendigerweise zu der Entscheidung, ob sie in Homberg bleiben oder ihr Heil in der Flucht ins Ausland suchen sollten. Für viele erübrigte sich allerdings diese Fragestellung, da sie weder die Mittel noch die Kraft oder die Möglichkeit besaßen, rechtzeitig auszuwandern. [127]

Ende 1938 hatten weitere 9 Juden Homberg verlassen: Noch 18 Juden waren in Homberg gemeldet.

„Das nationalsozialistische Regime konzentrierte sich in seiner antijüdischen Politik 1939 in erster Linie auf die forcierte Auswanderung. Im Deutschen Reich setzte so etwas wie eine Massenflucht ein. Die Zurückgebliebenen gehörten überwiegend zur älteren Generation, die die Strapazen der Emigration nicht mehr auf sich nehmen konnten. Vielen war allerdings die Auswanderung auch infolge der engherzigen Einwanderungsbedingungen der meisten Staaten nicht mehr möglich.“ [128]

„Die Konferenz von Evian widmete sich im Juli 1938 dem Problem der jüdischen Auswanderung aus Deutschland. Schnell erkannten aber insbesondere nationalistische und antijüdische Vertreter osteuropäischer Staaten die Gelegenheit, auf ihr jeweiliges „Judenproblem“ hinzuweisen. Damit standen die möglichen Zielländer vor der Perspektive, nicht nur 500.000 deutsche jüdische Flüchtlinge, sondern zusätzlich mehrere Millionen Juden aus Osteuropa aufnehmen zu sollen. Der anfänglich humanitäre Impuls geriet so in den Hintergrund, und „Juden“ wurden nunmehr weitgehend als „Problem“ betrachtet. Bald wurde klar, dass sich die Aufnahmebereitschaft der meisten Länder in Grenzen hielt.“ [129]

„Allein Großbritannien zeigte Verständnis für die Not und nahm einen großen Teil der Flüchtlinge auf.“ [130]

Aus Homberg sind vier Flucht-Fälle nach Großbritannien bekannt: Das Schicksal der jüdischen Familie von Israel Karten (s.o.) muss an dieser Stelle noch ergänzt werden. Neben Fanny (Jg.1919) und Max (Jg.1925) Karten gab es noch den Sohn Hermann (Jg. 1920). Hermann Karten besuchte von 1931 bis 1937 das Adolfinum-Gymnasium in Moers. Anschließend wechselte er zur Jawne-Schule in Köln. Sie war das einzige jüdische Gymnasium im Rheinland. „Ihr Leiter, Studiendirekror Dr. Erich Klibansky, erkannte die nationalsozialistische Gefahr früh. Er reagierte mit Verstärkung des Englisch- und Neuhebräisch-Unterrichts, um seine Schüler auf ein Leben außerhalb Deutschlands vorzubereiten. 1938 organisierte er eine Schülergruppenreise ohne Begleitung von Eltern nach England. Hermann Karten war einer von 130 Schülern aus Köln, welche auf diese Weise überlebten. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war dies nicht mehr möglich. Klibansky, seine Familie und die verbliebenen Schüler wurden 1942 mit über 1.000 anderen Kölner Juden in die Nähe von Minsk deportiert und dort ausnahmslos ermordet.“ [131]

Von der Jüdin Hildegard Gerson, Tochter der Familie Karl Gerson, war schon berichtet worden, dass sie 1934 von der Oberrealschule in Homberg (heute Franz-Haniel-Gymnasium) verwiesen wurde. „Sie hatte einen Judenstern auf die Tafel gemalt.“ [132] Nach der Zerstörung ihres väterlichen Betriebs in der Moerser Str. 89 am 9. / 10. November 1938 emigrierte sie 1939 nach Großbritannien. Sie lebte 1966 in London als Frau Schneider.

Über eine besonders spektakuläre Emigration nach England kann von Kurt Gerson, Bruder von Hildegard Gerson, berichtet werden: Kurt Gerson hatte 1931 an der Homberger Oberrealschule das Abitur bestanden. Er wollte ursprünglich Ingenieur werden, arbeitete aber als Hilfsarbeiter bei verschiedenen Firmen, zuletzt in München. Von dort floh er in die Niederlande. Bei seiner Rückreise nach Deutschland wurde er an der Grenze bei Aachen festgenommen und ins KZ Dachau verbracht. Hitler hatte nach dem Novemberpogrom ungefähr 26.000 jüdische Männer in Konzentrationslager einsperren lassen. „Die meisten kamen allerdings bis Anfang 1939 wieder frei – teilweise, weil sie zustimmten, Deutschland zu verlassen, teilweise, weil sie ihren Besitz dem Staat überschrieben. [133]

Kurt Gerson war einer dieser Inhaftierten, die ihren Emigrationswillen bekundeten. Deshalb wurde er am 20. 4. 1939 entlassen und wanderte nach Großbritannien aus. Ob er die britische Staatsangehörigkeit annahm, ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde er 1940 Soldat der British Army und kämpfte gegen Nazi-Deutschland bis 1945. Kurt Gerson war nach Kriegsende noch einmal zu seiner Geburtsstadt Homberg zurückgekehrt, und zwar „ in Uniform“. Ein Zeitzeuge wusste von der Aussage seiner Mutter zu berichten: „Das ist doch einer von den Gersons!“ [134]

Kurt Gerson emigrierte im Oktober 1947 nach Kanada und lebte 1969 in Toronto. „Er verstarb 2009 in Kalifornien“. [135]

Vor der Endlösung

Mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Auswanderungsmöglichkeiten z. B. nach Palästina gab es nur noch mit Gestapo-Genehmigung. Von den Juden, die sich 1939 in Deutschland befanden, waren nur 16 Prozent als beschäftigt gemeldet. Der größte Teil der Arbeitsfähigen wurde seit 1939, besonders nach Kriegsbeginn, zu Zwangsarbeiten herangezogen. [136]

Von den Homberger Juden - Ende 1939 waren es lt. Statistik 17 und Ende 1940 noch 14 - ist nicht bekannt, dass jemand zur Zwangsarbeit gezwungen worden wären. Jedoch unterlagen sie den weiteren einschränkenden Verordnungen, die mit Beginn des Krieges in Kraft traten, wie etwa:

Beschlagnahme der Rundfunkgeräte, Ausgehverbot im Sommer ab 21 Uhr, im Winter ab 20 Uhr, Aufhebung des Wohnungsräumungsschutzes, was einher ging mit der Zusammenlegung jüdischer Familien in so genannte „Judenhäuser“.

Der Grundgedanke war die Zusammenfassung von Juden in bestimmten Häusern, weil es für „Arier“ unzumutbar war, mit jüdischen Mitbürgern eine Hausgemeinschaft zu bilden. Ein weiteres Motiv waren die besseren Zugriffs- und Kontrollmöglichkeiten. Die Judenhäuser waren somit auch Vorstufen der Deportation. [137] Demnach wurden „Judenhäuser“ behördlich festgelegt. Auch in Homberg gab es laut Verwaltung zwei Judenhäuser. Einmal das Coppelsche Haus in der Rheinstraße 27, zum anderen das Haus von Karl Gerson in der Moerser Str. 89. Hier ging es aber lt. Aktenlage lediglich um die „Verwaltung des Vermögens von Reichsfeinden und seine spätere Rückerstattung, u.a. Vermietung der Häuser 1942 – 1950“. [138] Diese beiden Immobilien waren deshalb keine Judenhäuser im Sinne der politischen Verfolgung. Gleichwohl fanden nach 1938 auch einige andere Homberger Juden bei Coppel und Gerson Unterkunft. In den Jahren 1940 und 1941 hatte quasi die Endphase des jüdischen Lebens in Homberg begonnen. Zum Teil auf engstem Raum zusammenlebend, gesellschaftlich isoliert, wurde auch die wirtschaftliche Not immer bedrückender. Wer Immobilien oder sonstige Wertgegenstände verkauft hatte, bekam den Verkaufspreis in monatlichen Raten ausbezahlt. Andere waren auf die jüdische Wohlfahrt oder auf Unterstützung durch Familienmitglieder angewiesen.

Um die Isolation oder Ausgrenzung der Juden in der Öffentlichkeit noch deutlicher zu brandmarken, wurde die Verordnung über die Kennzeichnungspflicht der Juden verabschiedet. Mit Wirkung vom 13. September 1941 mussten alle Juden den so genannten „Judenstern“ auf der linken Brusthälfte ihrer Kleidung tragen. Diese Verordnung wurde einem Homberger Juden zur Todesfalle.

Als der Jude Paul Gutmann aus Homberg im September 1941 seinen Bruder Hans in Burghave / Wesermarsch besuchte, fiel er bei einer Polizeikontrolle dadurch auf, dass er nicht den seit dem 13. September vorgeschriebenen Judenstern trug. Nun waren Paul und Hans Mischlinge ersten Grades, also Halbjuden (Anm. Nazi-Sprachgebrauch) oder so genannte privilegierte Juden, die nicht als „Volljuden“ (Nazi-Sprachgebrauch) bezeichnet wurden. Da er aber mit der Jüdin Betty Coppel verheiratet war, galt er als Volljude. Er hatte damit gegen die vor wenigen Tagen verordnete Kennzeichnungspflicht verstoßen. Der Fall wurde dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin zur Entscheidung vorgelegt. Dieses Amt war federführend für die Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa.

Die Polizeidienststelle in Düsseldorf wurde angewiesen, „Paul Theodor Gutmann, geb. 26. 5. 1881 zu Burghave, bis auf Weiteres in Schutzhaft zu nehmen. Begründung: „… indem er dadurch, daß er die für Juden erlassenen Gesetze mißachtet, eine erhebliche Unruhe in die Bevölkerung trägt und bei Freilassung erwarten läßt, er werde die Belange des Reiches schädigen. Gutmann ist in das KZ Sachsenhausen zu überführen.“ [139]

Die Polizeidienststelle reagierte weisungsgebunden und wies die Kriminalpolizei in Homberg an, „Gutmann sofort wieder festzunehmen und mittels Sammeltransport über Düsseldorf nach Sachsenhausen zu überführen. Das geschah am 2. 12. 1941. Die Einweisung ins KZ Sachsenhausen war gleichbedeutend mit der Verhängung des Todesurteils. Der Gestapo in Düsseldorf wurde formal über Gutmanns Tod mitgeteilt: „Der einsitzende Häftling Paul Israel Gutmann ist am 23. 6. 1942 gegen 11 Uhr im Krankenrevier im hiesigen Lager an Durchfall und Herzinsuffizienz verstorben. Befehlsgemäß wird ersucht, die nächsten Angehörigen zu benachrichtigen.“

Nur wenige Tage nach seinem neunzigsten Geburtstag wurde dem Vater des „Verstorbenen“, Otto Israel Gutmann [140], der mittlerweile in Moers wohnte, die Mitteilung vom Ableben seines Sohnes durch die Polizeibehörde in Moers überbracht (am 25. 6.). Genau einen Monat später wurde Otto Gutmann zum KZ / Ghetto Theresienstadt deportiert und am 4. 1. 1943 umgebracht. Die Ehefrau von Paul Gutmann, Betty, geb. Coppel, war bereits am 11. 12. 1941 mit dem Massentransport nach Riga / Lettland in den Tod geschickt worden. Dasselbe Schicksal erlitt ihre Schwester Henriette, ihre Brüder Paul und Dr. Julius Coppel (Tierarzt in Moers). Die Ehefrau von Dr. Julius Coppel, Sofie, geb. Meyerhoff, hatte kurz vor der Deportation Selbstmord begangen. [141]

Deportation der Homberger Juden in den Tod

Mit Beginn des Krieges 1939 war die politische Zielsetzung, die Judenfrage durch Vertreibung zu lösen nahezu zum Erliegen gekommen. Die Maßnahmen gegen die Juden, sie als Zwangsarbeiter einzusetzen, in Lager zu internieren oder ins besetzte Polen zu transportieren, lösten nicht die eigentliche ideologische Zielsetzung der Nationalsozialisten, den schlimmsten Feind der deutschen Volksgemeinschaft, das europäische Judentum, zu liquidieren.

Am 31. 7. 1941 gab Hermann Göring [142](141) dem Leiter des Reichssicherheitsamtes (RSHA) Reinhard Heydrich den Befehl, die „Endlösung der Judenfrage“ zu organisieren. [143]

Im Sinne dieses Zieles wurde am 23. 10. 1941 die Auswanderung für Juden verboten. Bereits am 14. 10. 1941 wurde mit ersten Deportationen begonnen. Die Nazis sprachen von Evakuierung nach Osten oder von Arbeitseinsatz im Osten. Für die Kreis Moerser Juden war der Beginn der Deportation nach Riga / Lettland auf den 11. 12. 1941 festgelegt worden. „Betroffen waren etwa vierzig Juden aus der Stadt Moers. Hinzu kamen ebenso viele Juden aus den Orten, die zur Synagogengemeinde Moers zählten: Kamp-Lintfort, Homberg, Rheinhausen und Neukirchen-Vluyn. Nur sehr alte Menschen und jüdische Frauen, die mit nichtjüdischen Ehepartnern verheiratet waren, blieben zurück.“ [144]

Ob alle Menschen, die deportiert wurden tatsächlich glaubten, dass sie lediglich „evakuiert“ würden, ist zweifelhaft. Der Zeitzeuge Karl Jansen, Nachfolger seines väterlichen Maler- und Anstreicher-Geschäfts in der Hafenstraße 17 in Homberg, erinnerte sich, was sein Vater in der Familie erzählte: „Der Paul Coppels hat mir damals ein Paar hellbraune Lederschuhe geschenkt. Er war der Meinung, er brauche sie nicht mehr, da er doch jetzt nach Riga fahre.“

Die Homberger Juden brachte man im Morgengrauen des 11. Dezember nach Moers, wo sie gemeinsam mit den anderen Deportierten mit der Straßenbahn nach Krefeld befördert wurden. „ In Krefeld wurde ein größerer Transport aus dem gesamten Niederrheingebiet zusammengestellt und per Eisenbahn nach Düsseldorf gebracht. Dort mußten die Beteiligten die nächste Nacht sinnigerweise im Schlachthof verbringen, bevor es Richtung Riga ging.“ [145]

Aurel Billstein hat über die Deportationen aus der Stadt und dem Landkreis Moers in die Vernichtungslager eine Broschüre publiziert, in der ein „vertraulicher Bericht der Düsseldorfer Schutzpolizei über die Evakuierung von Juden nach Riga“ abgedruckt ist. Desweiteren findet man dort Erlebnisberichte von Juden, die am 11. 12. 1941 in das Vernichtungslager Riga deportiert worden waren, gerettet wurden und darüber berichten konnten. (Gekürzte Wiedergaben sind unter „Chronik der Nazi-Diktatur“, Datum 11. 12. 1941, nachlesbar. Anm. d. Verf.)


Liste der Familiennamen Homberger Juden

  • Abraham, Adolf
  • Abraham, Betty
  • Abraham, Leo
  • Bleekroode, Samuel
  • Coppel, Moses
  • Coppel, Salomon
  • Daniel, Grete
  • Dannenberg, Artur
  • Geib, Abraham
  • Geib, Johanne, verw. Kämer
  • Gerson Abraham
  • Gerson Karl
  • Gerson, Ludwig
  • Gutmann, Paul
  • Holthausen, Klara
  • Jablonski, Gaston
  • Karten, Israel
  • Leib, Gustav
  • Löwenthal, Max
  • Nathan, Richard
  • Nathan, Samuel
  • Nolden, Hugo
  • Ring, Jonas
  • Seelig, Leopold
  • Spiegel, Benjamin
  • Spiegel, Nathan
  • Strauß, Isaak
  • Vasen, Hugo
  • Vasen Katharina (Käthchen)

Die 29 Familiennamen Homberger Juden umfassen insgesamt 107 Personen, deren Schicksale - nach den Quellen des Duisburger Stadtarchivs - in der vorliegenden Arbeit untersucht wurden.

Quelle: [146]


Schicksale der Opfer

12 jüdische Mitbürger sind in Homberg verstorben.

51 Schicksale sind unbekannt, weil die Personen verzogen sind oder grundsätzlich keine aussagekräftigen Fakten vorliegen.

15 Personen haben überlebt. Zumeist durch Emigration ins Ausland.

29 Juden sind in Arbeits- oder Konzentrationslager zwischen 1940 und 1944 deportiert worden.

Von diesen 29 Deportierten brachten die Nazis 16 in die Konzentrationslager von Riga, 13 Homberger Juden waren in anderen K-Lagern inhaftiert.

Ihre Schicksale:

Geib, verw. Kämer, Julianne, 1942 nach Theresienstadt deportiert, 1943 dort verstorben.

Gutmann, Otto, verzog nach Moers, 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Nathan, Samuel, 1942 nach Thresienstadt deportiert, nach seiner Freilassung lebte er in Deggendorf (Bayern), dort gestorben 30. 1. 1948

Seelig, Margarete, 1935 nach NL emigriert, 1944 vom Sammellager Westerbork (NL) nach Theresienstadt deportiert, dort am 8. 5. 1945 befreit.

Seelig, Jeannette, 1938 mit Kindern nach Köln umgezogen, nach Auschwitz deportiert, dort verschollen.

Ring, Jonas, 1940 nach Sachsenhausen deportiert, gestorben am 25. 7. 1942 im KZ Groß-Rosen (bei Breslau, heute Polen).

Gutmann, Paul, ermordet am 23.6. 1942 in Groß-Rosen

Krämer, Peter, Sohn von Julianne Geib, verw. Krämer, Vater warNichtjude, aktives KPD-Mitglied. Im September 1943 von der Gestapo verhaftet, nach Buchenwald deportiert, dort verschollen, am 31. 12. 1943 für tot erklärt.

Karten, Max, 1938 mit Eltern und Schwester nach Polen abgeschoben, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Kalusz / Galizien verbracht, wo er umgekommen ist. Am 8. 5. 1945 für tot erklärt.

Nathan, Richard wurde 1942 einem Arbeitszwangslager der Organisation Todt zugeführt, seit 1944 verschollen, am 8. 5. 1945 für tot erklärt.

Nathan, Heinrich, Sohn von Richard und Gertrud N. (Nichtjüdin), war Halbjude. Er befand sich zuletzt im Lager Lenne der Org. Todt, von dort ist er nicht zurückgekehrt. Am 8. 5. 1945 für tot erklärt.

Strauß, Matilde war 1932 in die Niederlande emigriert. !942 in Amsterdam, bis zum 13. 7. 1943 war sie im Lager Westerbork (NL), von hier ins Lager Sabibor bei Auschwitz, dort gestorben am 16. 7. 1943.

Holthausen, Klara war mit einem Nichtjuden verheiratet, vom 17. 9. 1944 bis 31. 7. (?) 1945 im Gestapo-Arbeitslager in Minkwitz und Berlin, 1953 nach Rheinberg verzogen.

Von diesen 13 Juden haben nur 3 überlebt.


Deportation nach Riga / Lettland 1941

Der Transport am 11. 12. 1941 nach Riga / Lettland führte 16 Homberger (oder ehemaligen Homberger) Juden in den Holocaust:

Coppel, Julius, Dr., wohnte ab 1908 in Moers - für tot erklärt

Coppel, Betty, Rheinstr. 27 - für tot erklärt

Coppel, Henriette, Rheinstr. 27 - verschollen in Riga

Coppel, Paul, Rheinstr. 27 - verschollen in Riga

Daniel, Grete, wohnte 1939 in Duisburg - verschollen in Riga

Gerson, Johanna, Moerser Straße 89 - für tot erklärt

Gerson, Karl, Moerser Str. 89 – ermord. 1942 in Auschwitz/1945 für tot erkl. worden(?)

Karten, Israel, 1940 Rheinstr. 27 - (über Stutthoff) in Buchenwald verschollen

Karten, Helene, 1940 Rheinstr. 27, (über Stutthoff) am 22. 6. 1945 in Homberg

Karten, Fanny, 1940 Rheinstr. 27, zwei Tage nach Befreiung am 13.3. 1945 gestorben

Ring, Laura, Moerser Str. 89 - verschollen in Riga

Ring, Manfred, Moerser Str. 89 - verschollen in Riga

Spiegel, Nathan, wohnte 1936 in Duisburg - verschollen in Riga

Spiegel, Johanna, wohnte 1936 in Duisburg - verschollen in Riga

Spiegel, Ruth, wohnte 1936 in Duisburg - verschollen in Riga

Spiegel, Edith, wohnte 1936 in Duisburg - verschollen in Riga [147]

Zweifel an der Statistik

Die Statistik (Grafik) weist nach der verbrecherischen Deportation Homberg Juden für die Folgejahre bis einschließlich 1944 lediglich zwei Überlebende aus. Es haben aber mehr als zwei überlebt :

Lothar (Lotharius) Krämer, Bergmann und wohnhaft in der Poststraße 75 bei seiner Mutter Julianne Geib, verw. Kämer. Sein Vater Johann Krämer war Nichtjude.Er überlebte und wohnte 1969 in Homberg. (Schicksal seines Bruders Peter s.o.)

Elfriede Nathan, Tochter von Richard Nathan (Jude) und Gertrud Nathan, geb. Baumann (Nichtjüdin), wurde 1937 in Homberg geboren. Die Familie lebte im Haus Nr. 79 in der Prinzenstraße und war im Homberger Adressbuch 1938 dort gemeldet. Ihr Vater war erst 1942 von der Gestapo verhaftet worden (s.o.). Ihre Mutter starb am 27. 4. 1942 in Duisburg. Wo sich die Familie zwischen 1938 und 1942 aufgehalten hatte, ist unbekannt. Elfriede Nathan überlebte und wohnte 1957 in Homberg.

Elfriedes Schwester, Johanna Nathan, Jahrgang 1932, überlebte ebenfalls und wohnte 1956 in Rheinhausen.

Auch das Schicksal der Familie Hugo Nolden fällt in diesen Zeitabschnitt. Hugo Nolden, EK I - Träger aus dem 1. WK) kam 1933 mit seiner Frau Gertrud (Nichtjüdin), (geb. Schmitt lt. Dbg. Forschungen), geb. Fröhling , und dem 1930 geborenen Sohn Richard nach Homberg und wohnte zur Untermiete bei der Familie Emmerich in der Hochfeldstraße 170. Unter dem Druck der Nationalsozialisten trenne er sich von seiner Frau Gertrud, um dem Sohn Richard den Besuch der Oberrealschule in Homberg zu ermöglichen. [148] Am 14. 10. 1944 fand ein schwerer Luftangriff auf Homberg und Duisburg statt. „An diesem Tag besuchte Richard das Hallenschwimmbad in Ruhrort. Auf dem Rückweg wurde er in den Rheinwiesen durch Bombensplitter getötet. Hugo Nolde hielt sich in der Nacht zum 15. 10. bei seiner Frau Gertrud in der Rheinstraße 27 auf. Das Haus wurde von einer Brandmine getroffen, später dann noch von Brandbomben in Brand gesetzt. Umgekommen sind hier: Hugo und Gertrud Nolde, Oma Gores, Voß, Schlünkes und mehrere Fröhlings.“ [149]

Wie auch immer die amtliche Statistik über die Juden in Homberg fortgeschrieben worden ist, bleiben Zweifel an der Richtigkeit der Angaben. So wohnte und arbeitete der Jude Paul Salomon in der Adolf-Hitler-Str. 65 (Moerser Straße) als Schneidermeister. Er muss wohl eine „schützende Hand mit Einfluss“ in Homberg gehabt haben. Derartige Fälle soll es immer mal wieder gegeben haben, war aus dem Duisburger Stadtarchiv zu hören.

Ebenso mysteriös ist der Fall Eduard Singer. Er wohnte - lt. Zeitzeugenaussage -in der Hindenburgalle (Friedhofsalle) 99. Das SPD-Ratsmitglied Rudolf Woch (vor 1933 und nach 1945) wohnte quasi „um die Ecke“ am Hermann-Göring-Platz 2 (Hubertusplatz). Die beiden Nachbarn waren befreundet und spielten vor und nach dem Krieg miteinander Skat. Der Name von Eduard Singer taucht in keinem Homberger Register auf.

Von der Familie Wilhelm Kerkhoff [150], Tapeten, Farben, Bürsten, wohnhaft Karlstraße 12, wird berichtet, dass man eine Jüdin mit dem Namen „Weiß“ im Hause bis nach dem Krieg versteckt habe. Für das Jahr 1945 weist die Statistik 3 Juden in Homberg aus.

Tatsächlich war am 22. 6. 1945 die Jüdin Helene Karten wieder nach Homberg zurückgekehrt. Die Familie war bereits im Oktober 1938 (s. S. 16) nach Polen abgeschoben worden. Sie kehrten im Juli/August 1939 nach Homberg zurück und wurden erneut am 11. 12. 1941 nach Riga deportiert. Helene Karten überlebte und wohnte 1974 in Homberg.